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Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Datenautobahn

29. Oktober 2015

Der 27. Oktober 2015 war ein denkwürdiger Tag für das Internet. Das EU- Parlament in Straßburg hat eine Verordnung zur Netzneutralität beschlossen. Man muss jetzt natürlich wissen, worum es bei diesem abstrakten Begriff geht. Die sogenannte Netzneutralität ist quasi der Paragraph 1 im virtuellen Grundgesetz des Internets. Sie gewährleistete bislang die Gleichbehandlung aller Daten, welche zwischen den Internetnutzern und Anbietern ausgetauscht wurden. Durch das neue Gesetz wird jene Netzneutralität empfindlich beschädigt. Ein Vergleich zur konventionellen Autobahn im Straßenverkehr ist so angemessen wie verständlich.

netzwerk

Man darf sich künftig die Datenautobahn wie beispielsweise eine mehrspurige Straße für Kraftfahrzeuge vorstellen. Derzeit befinden sich ganz links die sogenannte Überholspur und ganz rechts die Fahrbahn für langsame Verkehrsteilnehmer. Jeder Verkehrsteilnehmer kann und darf im Prinzip alle zur Verfügung stehenden Fahrbahnen nutzen. Man muss sich jetzt vorstellen, dass man die linke Spur nur gegen Aufpreis nutzen dürfte, selbst wenn die Leistung des eigenen Fahrzeugs es problemlos zulassen würde.

Auf der Datenautobahn wird die Sache komplizierter. Denn auch Diensteanbieter können und müssen sich der neuen Klassifizierung unterwerfen. Adäquat auf die Straße übertragen, wäre das vergleichbar mit dem Tempomaten, der inzwischen in vielen Fahrzeugen Standard ist. Allerdings würde nicht der Fahrzeuglenker das Instrument bedienen, sondern das Verkehrsministerium. Andere entscheiden aufgrund von geleisteten oder nicht geleisteten Zusatzgebühren, wie der Tempomat auf welchem Verkehrsabschnitt eingestellt würde…

Technisch spricht man beim Datenverkehr von Priorisierung. Man kann die diversen Dienste innerhalb der zur Verfügung stehenden Bandbreite drosseln. In der Praxis äußert sich das, indem man zwar für einen Streaming- Dienst die komplette Bandbreite nutzen könnte, wenn gleichzeitig kein anderer Dienst(Email, Download usw.) in Anspruch genommen wird, aber eben vom Provider manche Dienste auf ein Minimum des Möglichen gedrosselt sind. Also bei einer üppigen Bandbreite von 50 MBit/s laut Vertrag würde man dennoch nie ein Video ruckelfrei anschauen können, weil der Dienst des entsprechenden Anbieters permanent auf 2MBit/s gedrosselt wurde. Sofern der Diensteanbieter nicht gewillt ist, für sein Angebot für ungebremste Durchleitung zu zahlen, nutzt dem Endanwender die eigene hohe Bandbreite überhaupt nichts.

Netzbetreiber wie die Telekom, welche selbst Diensteanbieter sind, drosseln ihre eigenen Angebote natürlich nicht. Der Internetnutzer muss sich entscheiden, ob er zum sogenannten Premiumangebot wechselt oder die willkürlich per Gesetz geschaffene Einschränkung in Kauf nimmt. Private Homepagebetreiber werden wohl kaum ins Lager der Anbieter solcher Premiumdienste wechseln. Auch kleine, innovative Diensteanbieter werden in Zukunft kaum noch Chancen haben, den Marktführern gefährlich zu werden. Aber auch die Endkunden müssen mit höheren Kosten rechnen, wenn sie ihre Bandbreite ausnutzen wollen, um sogenannte On- Demand Angebote in vollem Umfang genießen zu können.

Denn es gibt nur 2 Gründe, weshalb dieses Gesetz gegen die Netzneutralität in der aktuellen Form beschlossen wurde:

1. Es soll eine Marktregulierung zu Gunsten der großen und mächtigen Internetkonzerne durchgeführt werden.

2. Der notwendige und kostenintensive Ausbau der Netze kann hinausgezögert werden, obwohl gleichzeitig eine Gewinnmaximierung für etablierte Marktführer sichergestellt werden kann.

Das neue Gesetz für oder eher gegen Netzneutralität, worin der entscheidende Begriff „Netzneutralität“ nicht einmal Erwähnung findet, basiert auf rein wirtschaftlichen Interessen. Es wird mit sogenannten „Spezialdiensten“ argumentiert, die von allgemeinem Interesse sein sollen und deswegen eine Priorisierung erfahren müssten. Tatsächlich hat man jedoch keinen einzigen Spezialdienst als solchen definiert, sodass die Anbieter quasi frei darüber entscheiden können. Gerne wird die sogenannte „Telemedizin“ als Totschlagargument herangezogen. Das ist insofern vollkommener Blödsinn, weil hierbei fast ausschließlich beratende Aufgaben erfüllt werden, wo keine Dringlichkeit vorliegt. Das Versenden von Röntgenbildern per Emailanhang kann wohl kaum als Spezialdienst verstanden werden. Und Telechirugie wird ohnehin nicht per ferngesteuertem Skalpell praktiziert, sondern entfernte Operationen können per Videoübertragung verfolgt oder beratend begleitet werden. Dass ausgerechnet bei heiklen medizinischen Eingriffen eine fehlende Bandbreite ausschlaggebend für das Gelingen sein soll, klingt abenteuerlich. Da gibt es etliche wichtigere technische Schwachstellen, denen man Aufmerksamkeit schenken sollte.

Der Tag, an dem die Telekom die Netzneutralität beerdigte…

23. April 2013

Wir schreiben das Jahr 2013, Erdzeit 22. April. Die Telekom AG kündigt in einer Pressemitteilung an, ab Mai 2013 die Internet- Flatrates bei Neuverträgen abzuschaffen. Zukünftig sollen Neukunden nur noch Verträge mit Volumentarifen erhalten, deren Bandbreite bei Überschreitung einer definierten  Volumenbegrenzung auf 384 Kbit/s gedrosselt wird. Eine tatsächliche Umsetzung ist allerdings erst ab 2016 vorgesehen, erklärt der Marktführer.

Quelle: Telekom.de

Quelle: Telekom.de

Nach der ersten Welle der Entrüstung ist es ratsam, möglichst unaufgeregt die Folgen zu analysieren. Vorerst ändert sich nämlich für die Internetbenutzer eigentlich gar nichts. Neukunden der Telekom müssen sich lediglich mit einer unangenehmen Vertragsklausel anfreunden oder sich eben einen anderen Provider aussuchen, der hoffentlich bis dahin noch nicht dem Geschäftsmodell der Telekom gefolgt oder von ihr abhängig ist.

Mittelfristig müssen sich exzessive Internetnutzer darauf einstellen, dass ihr Online- Verhalten entweder willkürlich, im wahrsten Sinne des Wortes, gedrosselt wird oder sie für ihren Datenhunger zusätzlich zahlen müssen. Die Telekom argumentiert mit einem stetig wachsenden Datenvolumen, welches die Netzinfrastruktur nicht mehr auf Dauer bewältigen könne. Der Ausbau moderner Hochleistungsnetze ließe sich eben nicht durch ständig günstigere Tarife bei gleichzeitig steigender Leistung finanzieren. Aus Sicht eines privatrechtlichen Unternehmens klingen solche Töne durchaus verständlich und sind sogar völlig legitim.

Weshalb aber gehen Netzaktivisten und Bürgerrechtler auf die virtuellen Barrikaden?

Netzneutralität soll die wertneutrale Datenübertragung von Datenpaketen in unveränderter Qualität im Internet gewährleisten. Dabei darf es keine Rolle spielen, woher diese Daten stammen, noch wohin sie transferiert werden und insbesondere welchen Inhalt diese beherbergen.

Dieses Grundrecht, welches jedoch keineswegs gesetzlich verankert ist, sieht man in Gefahr. Besonders die Piratenpartei möchte die Netzneutralität politisch geregelt sehen, weil es ihrer Ansicht nach im 21. Jahrhundert durchaus zur Grundversorgung eines Menschen gehört, das Internet unabhängig des sozialen Umfeldes und der Vermögensverhältnisse nutzen zu können.

Die vorgesehene Bandbreitendrosselung würde diese Forderung jedoch nicht verletzen. Vielmehr befürchtet man, dass sich unter den Internetnutzern eine Zwei- Klassen- Gesellschaft etablieren könnte. Genau genommen existiert diese Klassifizierung längst schon. Während in Großstädten selbst für private Nutzer Highspeed- Zugänge von bis zu 400 MBit/s zur Verfügung stehen, gibt es ländliche Gegenden, welche überhaupt keine Breitbandanschlüsse kennen…

Mit regelmäßiger Zuverlässigkeit propagieren fast alle politischen Parteien insbesondere vor anstehenden Wahlen mit Versprechen, die Breitbandnetze ausbauen zu wollen. Nur schleppend wird es allerdings umgesetzt. Das Problem der Netzneutralität in Bezug auf flächendeckende Verfügbarkeit ist eklatanter als jede Drosselung. Es gibt Leute in Gegenden, wo eine Downloadbeschränkung auf 384 Kbit/s höchstens ein Achselzucken und Unverständnis im Gesichtsausdruck erzeugt, weil sie mit gebündeltem ISDN- Kanal maximal 128 Kbit/s erwirken können. Wo bleibt hier die Solidarität und die Netzneutralität, die größtenteils jene Netzjunkies fordern, welche Full- HD Filme per Stream ohne Qualitätseinbußen schauen können und nun befürchten, man würde ihnen ein Stück Lebensqualität rauben wollen?

Es soll auch keineswegs unterschlagen werden, dass innovative Anwendungen eben auf schnelle Internetverbindungen aufbauen und durch jene Drosselung einige zukunftsweisende Dienste regelrecht kastriert werden. Das wissen auch die Telekom- Manager und wollen sich das in Zukunft bezahlen lassen. Es könnte also ein Geschäftsmodell auf Basis von Schutzzöllen werden…

Die Telekom verfolgt ausschließlich marktwirtschaftliche Interessen und will mit diesen neuen Volumentarifen ein lukratives Geschäftsmodell umsetzen. Das Prinzip ist einfach und  zielt eigentlich gar nicht auf die Beschneidung der Netzneutralität ab. Nachdem sich in einem regelrechten Preisverfallskrieg die Internetprovider gegenseitig aus dem Markt drängten, wollen nun die verbliebenen den Kuchen neu aufteilen. Ohne eine neue, größere Torte backen zu müssen, schichtet man Sahne und Teig einfach um. Also ohne wirklich teure Investitionen in einen dringend notwendigen Ausbau der Netzinfrastruktur tätigen zu wollen, generiert man aus dem vorhandenen Bestand einfach höhere Einnahmen. Dabei hofft man auf die Internetsucht der Nutzer, die nach anfänglichen Protesten brav die Zuzahlungen leisten werden, um wieder den zuvor gewohnten Standard zu erhalten. Dieser Plan könnte gelingen…

Anstatt mit Jammern auf hohem Niveau eine Netzneutralität zu fordern, die es nie gegeben hat, sollte man gezielt einen flächendeckenden Breitbandausbau anstreben, der jener Netzneutralität erst einmal annährend diese Bezeichnung zugestehen könnte. Selbst in Lappland oder im strukturschwachen Rumänien gibt es leistungsfähigere Internetverbindungen als im Hunsrück oder im nördlichen Saarland. Nicht nur in diesen Regionen Deutschlands grenzen 16000 Kbit/s an Utopie.

Dennoch ist das Vorgehen der Telekom gefährlich, wird es von Politik und Bürgern nach anfänglichen Protesten hingenommen. Das Drosseln von bestimmten Diensten kann den Internetmarkt und die gleichberechtigte Nutzung des selbigen nachhaltig beschädigen. Die Telekom ist ein Quasi- Monopolist und Erbe eines ehemals staatlichen Schlüsselunternehmens. Kann sich die Telekom mittelfristig mit ihrem Vorhaben durchsetzen, besteht langfristig für den Konzern kein Verlangen, einen flächendeckenden Breitbandausbau zu beschleunigen. Deutschland läuft somit Gefahr, die sowieso nicht existente Netzneutralität auf absehbare Zeit nicht realisieren zu können. Gegenüber dem Status Quo werden einige wenige etwas an ihrer gefühlten Netzneutralität verlieren, welche vielen anderen gar nicht erst zu Teil werden kann. Solange die Netzneutralität technisch nicht flächendeckend umgesetzt werden kann, braucht man moralisch den Verlust selbiger nicht zu beklagen. Ein eigentlich erstrebenswertes Ziel wurde bereits verfehlt. Würde jedes gedrosselte Byte jenen Menschen zugestanden werden, die seit Anbeginn des Internets auf ausreichend schnelle Internetverbindungen verzichten müssen, könnte man dem Vorhaben der Telekom sogar etwas Gutes abgewinnen. So ist es aber nicht, denn hierbei geht es einzig um Gewinnmaximierung eines börsennotierten Unternehmens.

Die Diskussion geht eigentlich an einem grundlegenden Problem vorbei. Wie stellt der Provider eigentlich fest, welche Datenpakete nach eigenen Vorgaben gedrosselt werden „dürfen“? Zum Beispiel wird immer wieder Filesharing als ein Dienst genannt, der eine Drosselung primär erfahren dürfte. Hierzu ist es notwendig, dass der Provider die Datenpakete überwacht bzw. sogar hinein schaut. Dazu werden Methoden wie Stateful Packet Inspection oder gar Deep Packet Inspection angewandt. Das ist zumindest juristisch grenzwertig. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Diskussion um die Netzneutralität mehr auf diese Problematik konzentrieren würde, anstatt sich den Terrabytes an Video- und Musikmaterial von unersättlichen Datensaugern zu widmen.

Update 23. April 2013:

Unitymedia KabelBW reagierte auf die Ankündigungen der Telekom mit der Aussage, dass sie ihre Tarife weiterhin ohne Drosselung anbieten werden. Die Auswertung für die Drosselung von Bandbreiten soll ohne SPI oder DPI funktionieren und angeblich über einen Trafficzähler realisiert werden, der die sogenannten „Managed Services“ der Telekom anhand der Rechenzentren, woher sie stammen, identifiziert. Interessant wird es demzufolge, wenn Traffic zwischen Kabel Deutschland- Kunden und gedrosselten Telekom- Kunden bzw. zwischen gedrosselten und ungedrosselten Telekom- Kunden erzeugt wird. Hier greift zwar auch die Identifizierungsmethode über den Filter für „Managed Services“, aber würde Internetnutzer ohne Drosselung unter Umständen dennoch in Mitleidenschaft ziehen. Hier scheint der letzte Drops noch nicht gelutscht zu sein… 


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