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Ich bin kein Nazi, aber…

20. Juli 2015

Wer sich mit dieser Floskel (Ich bin kein Nazi, aber…) in (a)sozialen Netzen oder sonst wo zu rechtfertigen versuchte, muss zumindest eine grenzwertige Aussage von sich gegeben haben. Jene Personen sollten sich unbedingt hinterfragen, welches ideologische Buschfeuer sie nähren.
Es gibt auch leicht abgewandelte Formen dieses Spruchmusters wie „Ich bin kein Rassist, aber“.

Alle haben gemeinsam, dass die Leute, welche sich solchen Rechtfertigungen befleißigen, augenscheinlich ihre eigenen Aussagen nicht begreifen und sich offenbar gar nicht bewusst sind, bereits bis zum Hals im „braunen“ Sumpf zu stecken. Daher folgt nun eine kleine Analyse typischer Fundstücke:

naziWer bereits wegen des Wahrnehmens fremder Sprachen im Arbeitsumfeld Hassgefühle entwickelt und sie derart artikuliert, ist längst zum rassistischen Extremisten mutiert. Da hilft eine Distanzierung zum Nazitum absolut nichts, denn diese Ideologie besitzt einen ausgeprägten Ursprung im sogenannten 3. Reich, die mit solchen Statements glorifiziert wird.

nazi1In bescheidenem Ausmaß mag es sein, dass jemandem die aktuelle Flüchtlingspolitik nicht gefällt und konstruktive Kritik geäußert wird. Sobald jedoch eine Pauschalisierung von komplexen Sachverhalten verwendet wird und Meinungsfreiheit zu Beleidigungen und gar Volksverhetzung missbraucht wird, kann man erahnen, dass die eigentlichen Motive von Fremdenfeindlichkeit dominiert werden. Gleichermaßen bemerkenswert wie bedenklich ist die Zustimmung zu diesem rhetorischen Meisterwerk.

nazi2Sternstunden deutscher Orthographie bieten solche Beiträge ohnehin, während inhaltlich meist die Sinnhaftigkeit kaum Einstiegsmöglichkeiten zulässt. Die Grenzen zwischen Patriotismus und Faschismus bzw. Nationalsozialismus scheinen unreflektiert ineinander zu fließen.

nazi3Neben der NPD schießen Pseudo- Parteien und politisch motivierte Gruppierungen wie Pilze aus dem ideologisch kontaminierten Boden und erfahren eine beängstigende Zustimmung. Insbesondere im Osten der Republik fürchten viele Menschen eine Unterwanderung der erst sehr jungen Freiheit durch Zuwanderung und Religionsfreizügigkeit. Die Gewalt gegen Flüchtlinge eskaliert quasi täglich. Die Erinnerung an jene Zeit, als die ehemalige DDR isoliert inmitten des europäischen Kontinents an der politischen Leine des Sozialismus hing, scheint vergessen oder verdrängt zu sein. Das fehlende Feindbild muss ersetzt werden. Dass ausgerechnet jene Ideologie, welche maßgeblich für die Trennung Deutschlands verantwortlich war, eine derartige Renaissance erfährt, besitzt eine höchst beschämende Absurdität.

Nicht zuletzt, dass viele rassistische sowie rechtspopulistische Kampagnen auf Lügenkonstrukten basieren oder zumindest die Tatsachen durch eigene Filter passgenau auf das entsprechende Klientel richten, genügt, um am Bildungsniveau gescheiterte Irrlichter einzufangen. Das stets auseinander treibende Gefälle zwischen arm und reich sowie die Selbstgefälligkeit der gesellschaftlichen und politischen Elite treibt labile Zeitgeister schnell in die Arme von Rechtspopulisten. „Ich bin doch kein Nazi, aber…“ klingt am Ende wie eine genötigte Entschuldigung von Menschen, die sich manipulieren ließen.

Gegenüber, quasi auf der anderen Seite der ideologischen Brücke, stehen die sogenannten Gutmenschen.

Meist werden diese Gutmenschen in den etablierten Parteien verortet. Aus Sicht der „Nazis“, welche sie eigentlich gar nicht sein wollen, sind alle Menschen, die ihre Wahrheit nicht erkennen wollen oder können, dumme Schlafschafe. Der Ursprung der Menschheit befindet sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen in Zentralafrika. Auch die jetzigen Fremdenhasser stammen von jenen Menschen ab, die sie so vehement verachten und bekämpfen.

Die politischen Eliten haben es versäumt, möglichst alle Menschen in unserer Gesellschaft einen Platz einzuräumen. Menschen, die sich sozial ausgegrenzt fühlen oder vom System benachteiligt werden, wenden sich von jenem System ab. Das wurde jahrzehntelang ignoriert und nun wundert man sich über die Folgen.

 

 

 

 

Wir Netzexhibitionisten!

8. November 2013

Mal ehrlich, sind wir nicht alle ein bisschen (Bluna) exhibitionistisch veranlagt? Allein der Umstand, dass ich einen Blogartikel verfasse, gestehe ich damit diese Charakterschwäche ein, sofern man es so beschreiben möchte.

Das Internet stellt uns quasi unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung, sich öffentlich selbst darstellen zu können. Manchen genügt bereits das befriedigende Gefühl, nach einer Änderung ihres Profilbildes bei Facebook einige Klicks auf dem „Gefällt mir“ Button registrieren zu können.

Ausgerechnet in der höchsten Phase des ungezügelten Exhibitionismus im Internet kommt ein Edward Snowden daher und behauptet ungeniert, dass wir bespitzelt und belauscht werden. Der ehemalige NSA- Mitarbeiter und seit Sommer 2013 zum Staatsfeind Nummer 1 der USA gekürte junge IT- Experte prangert sehr glaubwürdig exzessive Schnüffelaktionen etlicher Geheimdienste an, welche unsere Intimsphäre in unverhältnismäßig hohem Maße verletzen würden.

Wer nichts zu verbergen hat, hat doch auch nichts zu befürchten? Hinter diesem scheinheiligen Argument verstecken sich naturgemäß Exhibitionisten. Wer Social Media aktiv nutzt, redet sich gerne ein, dass in den Datenbanken der Geheimdienste wie auch vieler kommerzieller Datensauger nichts gespeichert sein kann, was „mir“ kleinem Würstchen schaden könnte. Was kann man schon mit jenen belanglosen Datenfragmenten anfangen?

Der allseits bekannte Hans Mustermann muss hier als mahnendes Beispiel herhalten, obgleich die meisten Nutzer sozialer Netzwerke ähnlich anschaulich datentechnisch zerlegbar wären. Der fiktive Hans interessiert sich für Videotechnik, ist Mitte 30 und noch Single. Wenig verblüffend dürfte sein, dass er übermäßig viele Advertisement- Einblendungen von Single- und Kontaktbörsen sowie Kamerazubehör erhält. In sozialen Netzwerken nutzt er  gezwungenermaßen ein personalisiertes Profil, das nicht unbedingt der physischen Person entsprechen muss. Das ist allerdings auch ziemlich unerheblich. Andere Online- Plattformen nutzt er lieber anonym. Leider verwendet er hierfür den gleichen Internetanschluss, also die gleiche IP- Adresse. Die Datenkraken haben längst völlig automatisiert das von Hänschen gespeicherte Profil um diesen elementar aufschlussreichen Datensatz ergänzt. Fortan wird Herr Mustermann auch von anderen Online- Diensten maßgeschneiderte Werbung erhalten. Ein künftiger Wechsel der IP- Adresse, was ja in der Regel durch die providerseitige Zwangstrennung geschieht, verhindert jene Authentifizierung nicht mehr. Auch die Verwendung anderer Geräte, insbesondere Smartphones, verhindern nicht (mehr) das Zusammenbasteln des virtuellen Puzzles einer lebenden Person. Im Gegenteil  – dadurch wird das Profil von Hans Mustermann noch weiter perfektioniert. Zusätzlich wird auch ein aussagekräftiges Bewegungsprofil erstellt. Hans erkennt das dadurch, dass die Kontaktanzeigen plötzlich immer aus der Nähe seines physikalischen Aufenthaltsortes stammen. Die Rechenknechte jener Internetdienste kombinieren und filtern alle Datenspuren von Hans so präzise, dass die Person dahinter recht einfach identifizierbar ist. Dass Hans auch Google vermehrt nutzt, um sich unter anderem über Hautkrebs, alkoholfreie Cocktails, Buddhismus und Atommüllendlagerung zu informieren, wird emotionslos ständig seinem Datenprofil zugefügt. Die Schlussfolgerungen daraus könnten fatal erscheinen. Ob ein Mitarbeiter irgendeiner konspirativen Behörde den Hans nun auf die Liste von Castor- Transportkollaborateuren setzt, ihn wegen einer todbringenden Krankheit als unberechenbar einstuft oder gar als religiösen Fanatiker abstempelt, wird Herr Mustermann nie erfahren.

Man darf davon ausgehen, dass Geheimdienste wie die NSA noch wesentlich umfangreichere Daten von Hans Mustermann bzw. vom uns allen besitzen. Tatsächlich konnte man offiziell nur Einzelfälle in den Medien erblicken, die aufgrund ihrer Profile in die Rasterfahndung verschiedener Behörden gelangten und durchweg unangenehme Erfahrungen dadurch sammeln durften. Auch Geheimdienstmitarbeiter sind Menschen und begehen Fehler. Allerdings baden diese Fehler eben die Betroffenen aus. Manche Leute finden sich im menschenrechtsverachtenden US- Gefängnis Guantánamo Bay wieder, andere besitzen dem gegenüber das fragwürdige Glück, nur eine freundliche Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen zu müssen.

Sich darüber zu freuen, bislang nicht in den Sog jener Kollateralschäden geraten zu sein, wirkt im günstigsten Fall recht arrogant. Irgendwie erinnert dieses Verhalten an einen Schwarm Fische, wovon sich ein Hai seine Beute schnappte und der Restschwarm ungerührt dessen seine Kreise zieht…

Jedoch die eigene Geschichte Deutschlands belegt sehr erschütternd, wie eine an sich unbedenkliche Datenerfassung katastrophale Folgen bescherte. Vor der Machtergreifung der Nazis im 3. Reich wurde durch Gemeinden eine Kartei erstellt, die alle Juden erfassen sollte. Was als mutmaßliches wissenschaftliches Projekt begonnen hatte, wurde zur Grundlage einer Massenvernichtungsmaschinerie im Nationalsozialismus.

Bundeskanzlerin Merkel entrüstete sich erst über die Ausspähaktivitäten der NSA, als sie selbst betroffen war. So wie Frau Merkel reagieren wir doch eigentlich alle. Erst wenn man selbst vom Übel erwischt wird, und sei es nur ein harmloser Schnupfen, jammern wir unserem Umfeld unser Leid. Wiederum ist denen das auch ziemlich egal, solange sie nicht infiziert werden…

Die Zeit wäre längst überfällig, dass wir Netzexhibitionisten wenigstens einsehen würden, dass jene Ignoranz der Gegebenheiten uns womöglich in naher oder ferner Zukunft zum Verhängnis werden könnte. Behörden benötigen natürlich auch unsere Daten, um ihre Arbeit erledigen zu können. Die Daten müssen jedoch auf das nötigste Minimum beschränkt werden und die Bürger müssen die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Daten einsehen zu können. So wäre wenigstens ansatzweise einem Missbrauch vorzubeugen.

Hingegen sind die Begehrlichkeiten von Bundesinnenminister Friedrich, ungeachtet des weltweit größten Abhörskandals oder gerade deswegen, die Überwachungsbefugnisse der deutschen Behörden ausweiten zu wollen, dreist und unverschämt. Der Staat soll seine Bürger schützen und nicht sich selbst vor den eigenen Bürgern…


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