Die Sache mit den Bäumen und dem Wald…

Das Sprichwort „Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr“ könnte man in die Welt der gedruckten Texte folgendermaßen übersetzen: Zwischen so vielen Lügen findet man die Wahrheit nicht mehr.

Aktuell beschäftigen sich sowohl Gerichte, Verschwörungstheoretiker sowie die Bloggerszene intensiv mit dem umstrittenen Machwerk „Gekaufte Journalisten“ des ehemaligen FAZ- Journalisten Udo Ulfkotte.

Aufs Wesentlichste beschränkt ist jenes Buch eine Anklageschrift gegen den Journalismus schlechthin, der nach Auffassung des Autors von Korruption und Einflussnahme westlicher Machtpolitik durchsetzt sein soll. Dadurch, dass der Verfasser des Pamphlets sich selbst reumütig auf die Anklagebank begibt, soll dem Buch sowohl Glaubwürdigkeit als auch hohe Auflagezahlen verleihen. Letzteres dürfte zweifelsohne inzwischen gelungen sein…

Sich „der dunklen Seite der Macht“ zu entsagen und fortan gegen die bösen Mächte zu kämpfen, bescherte jenen Protagonisten bei der unbeteiligten Zuschauerschaft immer weitreichende Sympathie, während die nicht Bekehrten oder gar Uneinsichtigen Spott und Missgunst entsprechend heftiger zu spüren bekommen. In sozialen Netzen kann man sich zuweilen kaum dem Eindruck erwehren, dass Herrn Ulfkotte die proletarische Absolution erteilt wurde.

Auch ohne ein solches Buch und jenen pikanten Enthüllungen dürfte es den aufmerksamen Beobachtern des Weltgeschehens bis hin in den letzten Winkel einer verschlafenen Provinzidylle nicht entgangen sein, dass Journalismus von Menschen gemacht wird, deren politisches und gesellschaftliches Werteschema durch ihr Umfeld geprägt ist. Die Berichterstattung ist und war niemals wertneutral. Aus Sicht eines Argentiniers hätte auch die argentinische Mannschaft den Weltmeistertitel im Fußball verdient, während pauschal ein Deutscher diesen Sachverhalt sicher anders bewertet. Die Tatsache, dass Deutschland durch den Endspielsieg faktisch den Weltmeistertitel errungen hat, ändert nichts an der empfundenen Wahrnehmung, die wahrlich nicht den Anspruch auf Recht oder gar Gerechtigkeit besitzt. Das Wesen des Menschen ist nun einmal irrational, auch wenn er es nicht akzeptieren will oder kann.

Letztendlich vermittelt das Buch seinem Leser nur die Genugtuung, den eigenen Eindruck bestätigt bekommen zu haben. So ist es menschlich, dass ein Falschparker der Politesse eine plausible Rechtfertigung für die begangene Ordnungswidrigkeit präsentieren will, wenngleich es am Sachverhalt nichts ändert.

Ein typisches Beispiel, welches Herr Ulfkotte in seinem Buch thematisiert, ist der Rechtsstreit des Satiremagazins „Die Anstalt“ mit den Herausgebern der Zeitschrift „Die ZeitJochen Bittner und Josef Joffe. In einer Sendung wurden beiden innige Kontakte zu teilweise umstrittenen Lobby- Organisationen vorgeworfen. Dadurch entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass eine unabhängige Berichterstattung nicht gewährleistet sei. Diese Annahme ist so berechtigt wie spekulativ. Die eigentliche Frage müsste doch eher lauten, ob privatwirtschaftliche Unternehmen wie Verlage überhaupt angehalten sind, wertneutral zu berichten. Inwieweit ein journalistischer Ehrenkodex verpflichtend sein sollte, mögen  Gerichte entscheiden. Es bleibt für die entsetzten Leser die Erkenntnis, dass die Wahrheit nicht mundgerecht serviert wird, sondern womöglich im dichten Wald der Textbausteine versteckt bleibt.

Ausgerechnet der Kopp- Verlag hat sich der Vermarktung jener Anklageschrift gegen den Journalismus generell und des westlichen Meinungsdiktats durch Regierungen und ihrer exekutiven Institutionen im Speziellen angenommen. Verwunderlich ist das weniger, denn Verschwörungstheorien erhalten dort den Dünger, der für deren Aufkeimen unerlässlich ist. Doch welcher Verlag sonst würde selbst in vollem Bewusstsein den Scheiterhaufen anzünden, worauf Herr Ulfkotte sie gelegt hatte?

Mit kollektivem Totschweigen wird die Journalistenzunft allerdings ihre Reputation nicht wieder zurück gewinnen. Immerhin sollte man von jenen Berufskollegen, die nicht diesem System verfallen sind, welches von Ulfkotte derart rabiat beschrieben wird, erwarten, dass sie sich zu Wort melden würden. Im Internet ist so etwas ja bekanntlich und glücklicherweise auch anonym möglich, falls Sanktionen für Offenbarungswillige zu erwarten wären. Hingegen müsste es in Sinne der Verlage liegen, wenn ihre Mitarbeiter zum großen Gegenangriff ausholen würden. Bleiben solche Aktionen aus, schafft dies Raum für weitere Spekulationen.

faz_zensur Mit dem Sperren von Internetseiten, wie es jetzt aktuell durchgeführt wird, erlangt weder die Branche noch die Staatsmacht Glaubwürdigkeit zurück. „Dieser Inhalt ist aufgrund einer rechtlichen Beschwerde in dieser Landes- Domain nicht verfügbar“ besitzt durchaus die Qualität, demokratische Grundwerte wie die Meinungsfreiheit zu untergraben. Es genügt offensichtlich eine Beschwerde, dass Inhalte blockiert werden. Nun handelt es sich definitiv nicht um Kinderpornografie oder einem Aufruf zum Terror, sondern um ein lapidares Interview, welches nicht der Öffentlichkeit zu teil werden soll. Es ist natürlich rechtlich ziemlich grenzwertig, ein Telefonat aufzunehmen und den Inhalt zu veröffentlichen, ohne im Vorfeld den Gesprächspartner davon in Kenntnis zu setzen. Erst im Laufe des Telefonats offenbart der Niederländer Micha Kat, der bei der FAZ nachfragte, warum der Verlag das Buch seines langjährigen Mitarbeiters nicht kommentieren will, dass er das Telefonat aufnehmen und es veröffentlichen würde. Das verletzt natürlich das Recht der informationellen Selbstbestimmung des Gesprächspartners. Ob ein öffentliches Interesse in diesem Fall schwerer wiegt, muss gerichtlich entschieden werden. Allerdings hat die Gesprächspartnerin, als sie in Kenntnis gesetzt wurde, dass das Gespräch aufgenommen wird, weder dagegen protestiert noch das Gespräch daraufhin beendet. Der Informationsgehalt des Telefonats lässt sich auf die Aussage „Wir kommentieren das Buch nicht“ reduzieren. Man erfährt also schlussendlich nicht mehr, als man ohnehin schon weiß.

Direktlink (es gibt natürlich technische Möglichkeiten, diese Sperre zu umgehen, welche ich allerdings hier nicht erkläre)

Angenommen, Herr Ulfkotte betreibt tatsächlich eine unseriöse Hetzkampagne und bedient sich unseriösen Mitteln, darf man allerdings nicht ignorieren, dass scheinbar renomierte Nachrichtenmagazine in Deutschland sehr ähnliche Strategien ungestraft anwenden dürfen, um MeinungsBILDung zu betreiben.

 

Die Videobotschaft von Udo Ulfkotte erübrigt meines Erachtens das Lesen des Buches, da er bereits die wesentlichen Inhalte erzählt. Es handelt sich hierbei augenscheinlich um eine Marketing- Strategie, das eigene Buch zu bewerben. Kommerzielle Interessen spielen also durchaus eine Rolle, ansonsten hätte der Autor auch einen Blogartikel veröffentlichen können oder nach Marnier eines Whistleblowers wie Edward Snowden vorgehen können. Es bleibt ein Hauch von Eigennutz zurück. Vielleicht übt er auch späte Rache. Unumstritten ist der Mann auf keinen Fall, wie der Blogger Stefan Niggemeier zu berichten weiß: So lügt Udo Ulfkotte

Dass sich keine Kollegen zu Ulfkotte’s Pamphlet äußern würden, stimmt übrigens nicht: SWR2

Als Islamkritiker und Thilo Sarrazin- Versteher muss man die Aussagen von Herrn Ulfkotte durchaus differenziert betrachten. So ist das eben mit den Bäumen und dem Wald…

Hier noch die Videobotschaft:

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: