„ALS Ice Bucket Challenge“ – Der Spaß mit dem Leid?

Die Idee ist keineswegs neu, aber effektiv. Schneeballsysteme sind eher durch lästige Kettenbriefe, meist mit unseriösen, finanziellen Hintergründen bekannt geworden. Die Urheber können unheimlich schnell viel Geld verdienen bis das System an seinen mathematischen wie ethischen Grenzen in sich zusammen bricht.
Wenn man ein solches Schneeballsystem für einen guten Zweck ausleiht, kann das einen hohen Nutzen für die jeweilige Aktion bewirken und sogar an Seriosität gewinnen. Vermutlich haben sich die Initiatoren der ALS Ice Bucket Challenge das so gedacht und augenscheinlich auch Erfolg damit gehabt…
Dieses virale Phänomen findet seinen Ursprung offensichtlich in der Cold Water Challenge. Hierbei mussten die Protagonisten entweder eine Spende für einen guten Zweck leisten oder eben in kaltes Wasser springen. Die ALS Ice Bucket Challenge entwickelte sich womöglich daraus und erfuhr unwesentliche Modifikationen. Der Zusammenhang zur Krankheit ALS wurde erst hergestellt, als am 15. Juli 2013 der Golfprofi Chris Kennedy an der Ice Bucket Challenge teilnahm und die Nominierten dazu aufforderte, 100 Dollar an die ALS-Association zu spenden, sollten sie die Herausforderung nicht innerhalb von 24 Stunden annehmen. Ein Bezug zu der Krankheit bestand, weil der Schwager des Golfers daran erkrankt war. Der gute Zweck war geboren und verlieh der Aktion mit Spaßfaktor einen ernsthaften Hintergrund.
Durch die Teilnahme vieler Prominenter entstand ein regelrechter Hype, der sich über soziale Netze rasend schnell verbreitete. Die bislang recht unbekannte Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) wurde in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht und Spendengelder in zweistelliger Millionenhöhe zur Erforschung und Bekämpfung konnten gesammelt werden. Der Wissenschaftler Stephen Hawking ist wohl der populärste an dieser eher seltenen Krankheit leidende Mensch.
Inzwischen verliert der soziale Charakter der ALS Ice Bucket Challenge zusehends an Bedeutung. Viele Teilnehmer kennen den Hintergrund der Aktion, die dem Einnässen mit Eiswasser einen Sinn verliehen hat, überhaupt nicht. Das Übergießen des eigenen Hirncontainers dient oftmals nur dem Zweck, Eigenpromotion zu betreiben. Pseudo- Prominente oder ehemalige versuchen diesen Hype für die eigene Selbstdarstellung zu verwenden.
Humanitäre Brandherde gibt es genügend, die es lohnt, mit Spenden unterstützt zu werden. Es spricht nichts dagegen, mit ähnlich kuriosen Aktionen anderes Elend zu bekämpfen. Funktioniert das einfach nicht ohne Begleitspektakel samt Spaß- Faktor, darf sich jeder angesprochen fühlen, mit Witz und Phantasie der guten Sache die Erfolgsspur zu ebnen.

Als tragisches Finale könnte man den Tod eines der mutmaßlichen Initiatoren der ALS Ice Bucket Challenge,  Corey Griffin, bezeichnen, der kürzlich bei einem Badeunfall ums Leben kam.

Beispiele für Missbrauch (Bitte nicht unbedingt anschauen, denn an jedem Klick, sofern Werbung eingeblendet wird, verdient der Betreiber des entsprechenden YouTube- Kanals mit!):

Samsung nutzte den Hype für Eigenwerbung, nominierte geschickt andere Smartphone- Hersteller, aber verzichtete auf eine offizielle Spendenzusage:

Oliver Pocher machte Slapstick daraus und parodierte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ob er auch spendete, bleibt unerwähnt:

Ob jemand tatsächlich spendet oder nicht, ist weniger entscheidend. Wenn jemand allerdings damit persönliche Vorteile erzielen möchte, wird die Sache umstritten, ohne Herrn Pocher und weiteren Personen etwas unterstellen zu wollen. Will man eine gute Sache unterstützen oder aus Überzeugung notleidende Menschen durch finanzielle Spenden helfen, ist das durchaus auch ohne Motivationsbeipack möglich.

Update vom 26. 08. 2014

Die Kehrseite der Medaille
Man mag Tierversuchen gegenüber stehen wie man will, es sollte nicht der primär eingeschlagene Weg sein, eine bislang nicht erfolgreich zu therapierende Krankheit zu erforschen. Um Menschen helfen zu können, müssen Tiere leiden. An dieser Stelle treffen verhärtete Fronten aufeinander. Emotionen lassen wissenschaftliche Fakten hierbei schnell verblassen. Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche e.V.“ macht nun mobil gegen die ALS Ice Bucket Challenge, denn die Organisation setzt augenscheinlich ihre Prioritäten auf eben solche Tierversuche:

„Die ALS-Gesellschaft macht keinen Hehl daraus, bei ihren Forschungen auf „Tiermodelle“ zu setzen, wie es im lebensverachtenden Jargon der Tierexperimentatoren heißt“, weiß Dr. med. vet. Corina Gericke, Vorstandsmitglied der Ärzte gegen Tierversuche. Hauptsächlich werden genmanipulierte Mäuse und Ratten verwendet, die durch Ausschalten eines Gens ähnliche Symptome aufweisen wie ALS-Patienten. Die Tiere leiden an fortschreitenden Lähmungen und sterben qualvoll.

Quelle: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/projekte/stellungnahmen/1612-tierversuche-in-der-als-forschung
Ungeachtet dieser Konfrontationen werden die Spendengelder wohl in Kürze die dreistellige Millionensumme übersteigen. Das ist eine stattliche Summe, die vieles möglich macht. Es ist zu hoffen, dass die ALS Association (http://www.alsa.org) die Spenden sinnvoll verwendet.
Andere Hilfsorganisationen könnten neidvoll auf diese Spendenbereitschaft in Kombination mit eiskalten Wasserspielen blicken. Es gibt so viele weitere Krankheiten, die ebenfalls zu erforschen sind und daran Erkrankte sich Hilfe erhoffen. Es gibt auch etliche Krisengebiete, wo Menschen Not leiden und dringend humanitäre Unterstützung benötigen. Hat man all diese Menschen vergessen, während in den sozialen Netzen die Leute offensichtlich nur noch auf die eigene Nominierung warten? Die Grundidee der Cold Water Challenge basierte ja auf einer generellen Spende nach eigener Wahl. Hätte man diese Strategie weiter verfolgt, wäre das Spendenaufkommen gerechter verteilt worden. Die willkürliche Namenserweiterung „ALS“ verpflichtet übrigens niemanden, seine Spende an ausschließlich eine Organisation zu entrichten…

Update 29.08.2014

Im Vergleich zu den durch die Challenge generierten Spenden schneidet Aktion Deutschland Hilft beinahe schon minimalistisch ab. Im Jahr 2012 konnte diese Organisation etwa 7 Mio. Spendengelder einsammeln und im Jahr davor immerhin über 32 Millionen Euro. Dabei darf man nicht vergessen, dass diese Spendengelder auf mehrere Hilfsorganisationen aufgeteilt werden: http://www.aktion-deutschland-hilft.de/de/wir-ueber-uns/finanzen/

Es besteht keine Verplichtung, sich Eiswasser über den Kopf zu schütten. Eben so wenig ist man gezwungen, zu spenden, weder an die ALS Association noch an jemand anderen. Man kann sich frei entscheiden, wie man diesem Hype begegnet. Man sollte allerdings immer auf die Hintergründe hinweisen, wenn man in irgend einer Form an der Challenge teilnimmt. Im Übrigen kann man jeder Zeit Gutes tun, auch in Form von Spenden, dafür muss man nicht abwarten, bis ein Massenphänomen dazu motivieren muss.

Wenn dieser Artikel der Wahrheit entspricht (http://healthimpactnews.com/2014/als-ice-bucket-challenge-do-you-know-what-you-are-supporting/), sollte man wirklich überlegen, ob die Spendengelder richtig verwendet werden, Tierversuche hin oder her…

 

 

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