Wenn der Finanzbeamte zweimal klingelt!

Vorweg sollte klar gestellt sein, dass Finanzbeamte auch nur Menschen sind, welche ihren Job machen und nicht für die Zustände unseres Steuersystems verantwortlich sind.

Laut Statistik geht der brave deutsche Steuerzahler etwa bis zur Kalenderwoche 28 ausschließlich für den Staat arbeiten. Das ist bis zur ersten Woche im Juli…

Großkonzerne hingegen können ihre Steuerlast künstlich absenken und zahlen in den unverschämtesten Fällen quasi weniger Steuern als ein einziger Busfahrer. Das deutsche Vorzeigeunternehmen Siemens verlegte den Konzernsitz steuerrechtlich ins Ausland und konnte durch diesen völlig legalen Trick im Jahr 1996 jegliche Steuerzahlungen an den deutschen Fiskus vermeiden.

Der Autobauer BMW trieb es zuweilen noch dreister und ließ sich sogar in Deutschland Verluste in Höhe von 32 Mio. D- Mark (für jüngere Leser sei erwähnt, dass dies mal die gültige Währung in Deutschland darstellte) zurückerstatten, obwohl die Gewinne sogar gestiegen waren. Unternehmen wie Amazon, Google oder Apple, die beachtliche Gewinne vom lukrativen deutschen Wirtschaftsstandort abschöpfen, sind da nicht weniger einfallsreich. Man versteuert einfach die Gewinne in einer Steueroase und schiebt die Verluste nach Deutschland…

Es wäre jetzt ziemlich verlogen, diesen Konzernen ihre Handlungsweise vorwerfen zu wollen. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird eingestehen müssen, dass er oder sie doch eben solche Steuertricks nur allzu gerne anwenden möchte, so es denn möglich wäre.

Im europäischen Vergleich ist dabei die Höhe der Steuern in Deutschland zwar im oberen Drittel zu verorten, demgegenüber stellt jedoch der deutsche Staat eine respektable wirtschaftliche und soziale Infrastruktur zur Verfügung. Dass letztendlich nicht die Steuern allein dafür verantwortlich sind, dass die Differenz zwischen Brutto- und Nettoeinkommen so eklatant hoch ist, beweist ein genauer Blick auf den eigenen Lohnzettel. Neben der Einkommenssteuer existiert ja immer noch der Solidaritätszuschlag sowie bei etlichen Leuten auch noch die Kirchensteuer. Letztere kann im Prinzip jeder selbst auf ein absolutes Minimum reduzieren. Die Trennung von Kirche und Staat ist ohnehin ein umfassendes Reizthema. Den eigentlichen Steuern stehen dann weitere Abgaben wie Renten-  , Kranken- , Arbeitslosen- und Pflegeversicherung gegenüber. Es wäre also zu kurz gegriffen, allein die eigentlichen Steueranteile für den geringen Gegenwert der geleisteten Arbeit verantwortlich machen zu wollen.

Quelle: Facebook (Urheber konnte leider nicht ermittelt werden)

Quelle: Facebook (Urheber konnte leider nicht ermittelt werden)

Um jedoch nur den negativen Wertschöpfungsfaktor der Steuerbelastung zu beleuchten, kommt man nicht umhin, sich auch mit der sogenannten kalten Progression zu beschäftigen. Hier wirkt sich nämlich eine fiese Steuermehrbelastung auf das Nettoeinkommen aus, indem Lohnsteigerungen eher das Gegenteil bewirken. Einkommenssteuersätze werden nämlich nicht an die jeweilige Inflationsrate angepasst, was naturgemäß beim Blick auf den Lohnzettel zur zeitweiligen Schockstarre führen kann. Schuld daran sind maßgeblich die Einkommensstufen, die die jeweiligen Steuersätze zur Berechnung der Steuerlast festsetzen. Der eigentliche Aufschrei wegen dieses Debakels sollte jedoch gegen eine untätige Regierung gerichtet werden. Denn ausgerechnet Gering- und Mittelverdiener trifft jene kalte Progression heftiger als Spitzenverdiener. Ab einer bestimmten Einkommensgrenze nämlich bleibt der Steuertarif konstant, während darunter der Tarif mit jeder Erhöhung steil ansteigt. Insbesondere Sonderzahlungen wie Weihnachtgeld oder Gewinnbeteiligungen lösen sich dadurch quasi in Luft auf.  Das deutsche Wahlvolk hat sich allerdings demokratisch mehrheitlich eine große Koalition zusammen gewürfelt und muss nun eben die Konsequenzen tragen. In jenem undemokratischen Pamphlet, welches sich Koalitionsvertrag nennt, wird weder eine notwendige Änderung der kalten Progression noch des Spitzensteuersatzes berücksichtigt. Somit darf der deutsche Steuerzahler mit einer schleichenden Steuererhöhung weiterhin rechnen.

Gerne reden uns Lobbyisten und deren politische Sprechorgane in den Plenarsälen ein, dass Steuerentlastungen für Arbeitnehmer unzählige Arbeitsplätze zerstören und den Wirtschaftsstandort Deutschland in eine unüberschaubare Krise stürzen würden. Selbiges tun scheinbar die milliardenschweren Bankenrettungsschirme nicht? Auch die ausufernden Steuerverschwendungen wie beim Berliner Hauptstadtflughafen, der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Stuttgarter Hauptbahnhof lassen wenig Vernunft in verantwortlichen Politikerkreisen erkennen. Flugunfähige Kampfdrohnen oder nicht funktionierende Gewehre von Bundeswehrsoldaten zahlen wir sowieso aus der Kaffeekasse.

Politikverdrossenheit soll in großem Maße ihren Ursprung in der Resignation der Bevölkerung zu suchen sein, an den politischen Fehlleistungen unserer Volksvertreter nichts ändern zu können. Das ist falsch. Er ließe sich so einiges ändern, wenn jenen legitim gewählten Volksvertretern in Form tausender erzürnter Bürger der Angstschweiß auf der Stirn gefrieren würde. Davon sind wir jedoch weit entfernt, weil eben die Bequemlichkeit der Menschen den ersten Frust recht schnell vergehen lässt. Den Menschen geht es offensichtlich immer noch zu gut, als dass sie sich aktiv zur Wehr setzen wollten. Meist scheitert jegliche sanfte Revolte an der Ausdauer und der Entschlossenheit, sich dieser Herausforderung zu stellen. Oft fehlt auch die nötige Solidarität, wenn man nicht direkt betroffen ist.

Ist die Zeit nicht längst überfällig, dass endlich die Bürger bei unserer Regierung klingeln sollten?

Schlagwörter: , , , , ,

Eine Antwort to “Wenn der Finanzbeamte zweimal klingelt!”

  1. alphachamber Says:

    Insgesamt ein guter Artikel; wenn meiner Ansicht nach auch stellenweise die Kausalitäten verwechselt wurden (Probleme der Perzeption).
    „…dass endlich die Bürger bei unserer Regierung klingeln sollten?…“
    Absolut! Aber wie? Durch Wahlen ist es unmöglich.
    Schöne Festtage!

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: