Wir Netzexhibitionisten!

Mal ehrlich, sind wir nicht alle ein bisschen (Bluna) exhibitionistisch veranlagt? Allein der Umstand, dass ich einen Blogartikel verfasse, gestehe ich damit diese Charakterschwäche ein, sofern man es so beschreiben möchte.

Das Internet stellt uns quasi unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung, sich öffentlich selbst darstellen zu können. Manchen genügt bereits das befriedigende Gefühl, nach einer Änderung ihres Profilbildes bei Facebook einige Klicks auf dem „Gefällt mir“ Button registrieren zu können.

Ausgerechnet in der höchsten Phase des ungezügelten Exhibitionismus im Internet kommt ein Edward Snowden daher und behauptet ungeniert, dass wir bespitzelt und belauscht werden. Der ehemalige NSA- Mitarbeiter und seit Sommer 2013 zum Staatsfeind Nummer 1 der USA gekürte junge IT- Experte prangert sehr glaubwürdig exzessive Schnüffelaktionen etlicher Geheimdienste an, welche unsere Intimsphäre in unverhältnismäßig hohem Maße verletzen würden.

Wer nichts zu verbergen hat, hat doch auch nichts zu befürchten? Hinter diesem scheinheiligen Argument verstecken sich naturgemäß Exhibitionisten. Wer Social Media aktiv nutzt, redet sich gerne ein, dass in den Datenbanken der Geheimdienste wie auch vieler kommerzieller Datensauger nichts gespeichert sein kann, was „mir“ kleinem Würstchen schaden könnte. Was kann man schon mit jenen belanglosen Datenfragmenten anfangen?

Der allseits bekannte Hans Mustermann muss hier als mahnendes Beispiel herhalten, obgleich die meisten Nutzer sozialer Netzwerke ähnlich anschaulich datentechnisch zerlegbar wären. Der fiktive Hans interessiert sich für Videotechnik, ist Mitte 30 und noch Single. Wenig verblüffend dürfte sein, dass er übermäßig viele Advertisement- Einblendungen von Single- und Kontaktbörsen sowie Kamerazubehör erhält. In sozialen Netzwerken nutzt er  gezwungenermaßen ein personalisiertes Profil, das nicht unbedingt der physischen Person entsprechen muss. Das ist allerdings auch ziemlich unerheblich. Andere Online- Plattformen nutzt er lieber anonym. Leider verwendet er hierfür den gleichen Internetanschluss, also die gleiche IP- Adresse. Die Datenkraken haben längst völlig automatisiert das von Hänschen gespeicherte Profil um diesen elementar aufschlussreichen Datensatz ergänzt. Fortan wird Herr Mustermann auch von anderen Online- Diensten maßgeschneiderte Werbung erhalten. Ein künftiger Wechsel der IP- Adresse, was ja in der Regel durch die providerseitige Zwangstrennung geschieht, verhindert jene Authentifizierung nicht mehr. Auch die Verwendung anderer Geräte, insbesondere Smartphones, verhindern nicht (mehr) das Zusammenbasteln des virtuellen Puzzles einer lebenden Person. Im Gegenteil  – dadurch wird das Profil von Hans Mustermann noch weiter perfektioniert. Zusätzlich wird auch ein aussagekräftiges Bewegungsprofil erstellt. Hans erkennt das dadurch, dass die Kontaktanzeigen plötzlich immer aus der Nähe seines physikalischen Aufenthaltsortes stammen. Die Rechenknechte jener Internetdienste kombinieren und filtern alle Datenspuren von Hans so präzise, dass die Person dahinter recht einfach identifizierbar ist. Dass Hans auch Google vermehrt nutzt, um sich unter anderem über Hautkrebs, alkoholfreie Cocktails, Buddhismus und Atommüllendlagerung zu informieren, wird emotionslos ständig seinem Datenprofil zugefügt. Die Schlussfolgerungen daraus könnten fatal erscheinen. Ob ein Mitarbeiter irgendeiner konspirativen Behörde den Hans nun auf die Liste von Castor- Transportkollaborateuren setzt, ihn wegen einer todbringenden Krankheit als unberechenbar einstuft oder gar als religiösen Fanatiker abstempelt, wird Herr Mustermann nie erfahren.

Man darf davon ausgehen, dass Geheimdienste wie die NSA noch wesentlich umfangreichere Daten von Hans Mustermann bzw. vom uns allen besitzen. Tatsächlich konnte man offiziell nur Einzelfälle in den Medien erblicken, die aufgrund ihrer Profile in die Rasterfahndung verschiedener Behörden gelangten und durchweg unangenehme Erfahrungen dadurch sammeln durften. Auch Geheimdienstmitarbeiter sind Menschen und begehen Fehler. Allerdings baden diese Fehler eben die Betroffenen aus. Manche Leute finden sich im menschenrechtsverachtenden US- Gefängnis Guantánamo Bay wieder, andere besitzen dem gegenüber das fragwürdige Glück, nur eine freundliche Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen zu müssen.

Sich darüber zu freuen, bislang nicht in den Sog jener Kollateralschäden geraten zu sein, wirkt im günstigsten Fall recht arrogant. Irgendwie erinnert dieses Verhalten an einen Schwarm Fische, wovon sich ein Hai seine Beute schnappte und der Restschwarm ungerührt dessen seine Kreise zieht…

Jedoch die eigene Geschichte Deutschlands belegt sehr erschütternd, wie eine an sich unbedenkliche Datenerfassung katastrophale Folgen bescherte. Vor der Machtergreifung der Nazis im 3. Reich wurde durch Gemeinden eine Kartei erstellt, die alle Juden erfassen sollte. Was als mutmaßliches wissenschaftliches Projekt begonnen hatte, wurde zur Grundlage einer Massenvernichtungsmaschinerie im Nationalsozialismus.

Bundeskanzlerin Merkel entrüstete sich erst über die Ausspähaktivitäten der NSA, als sie selbst betroffen war. So wie Frau Merkel reagieren wir doch eigentlich alle. Erst wenn man selbst vom Übel erwischt wird, und sei es nur ein harmloser Schnupfen, jammern wir unserem Umfeld unser Leid. Wiederum ist denen das auch ziemlich egal, solange sie nicht infiziert werden…

Die Zeit wäre längst überfällig, dass wir Netzexhibitionisten wenigstens einsehen würden, dass jene Ignoranz der Gegebenheiten uns womöglich in naher oder ferner Zukunft zum Verhängnis werden könnte. Behörden benötigen natürlich auch unsere Daten, um ihre Arbeit erledigen zu können. Die Daten müssen jedoch auf das nötigste Minimum beschränkt werden und die Bürger müssen die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Daten einsehen zu können. So wäre wenigstens ansatzweise einem Missbrauch vorzubeugen.

Hingegen sind die Begehrlichkeiten von Bundesinnenminister Friedrich, ungeachtet des weltweit größten Abhörskandals oder gerade deswegen, die Überwachungsbefugnisse der deutschen Behörden ausweiten zu wollen, dreist und unverschämt. Der Staat soll seine Bürger schützen und nicht sich selbst vor den eigenen Bürgern…

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Eine Antwort to “Wir Netzexhibitionisten!”

  1. hastenteufel Says:

    Hallo,
    ich mach in diesem Zusammenhang aufmerksam auf
    https://torexitabuse.wordpress.com/tag/operation-mende/

    Nicht grad ein gestalterisches highlight, aber trotzdem recht interessant, was die Ermittlungsmethoden des BKA angeht.

    Grüße

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