Die Tierquäler der Republik

Unserer aktuellen Bundesregierung wird so manche Planlosigkeit vorgeworfen, zum Beispiel wie sie zu Gunsten der Hochfinanzbranche und superreichen Steuerhinterziehern die Lasten der Euro- Krise in die Geldbeutel der Steuerzahler transportiert. Auch dass der versprochene Ausbau der Krippenplätze mit  Annäherung an den Stichtag irgendwann im August 2013 nicht realisierbar erscheint, war absehbar.

Doch widmen wir uns einem völlig anderen Thema, welches in der gelbschwarzen Lebensrealität eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Man wagt es tatsächlich von einem Tierschutzgesetz zu sprechen, was gestern, dem 13. Dezember 2012 im Bundestag mit der Mehrheit der Regierungskoalition verabschiedet wurde. Konkret dürfen Ferkel (damit sind kleine, nicht ausgewachsene Hausschweine gemeint) weiterhin bis zum Jahr 2019 ohne Betäubung kastriert werden. In der Praxis wird dem Jungtier sprichwörtlich der Sack abgeschnitten, also (in salonfähigem Deutsch) die Hoden werden entfernt. Das tut heftig weh, wie sich wohl jeder Penisträger vorstellen kann. Ich möchte nur daran erinnern, welche Qualen so mancher Fußballer auszustehen hat, wenn das runde Leder sein Epizentrum trifft…

Nun verhält es sich bei diesem Thema ja nicht wie beim Krippenausbau, wo weitreichende Baumaßnahmen und personelle Aufrüstungen eben ihre Zeit benötigen. Was spricht dagegen, bei Kastrationen die bereits längst zur Verfügung stehenden Betäubungsmittel zum Einsatz kommen zu lassen?

Ausgerechnet ein CDU- Abgeordneter mit dem passenden Namen Dieter Stier argumentiert mit einem möglichen Verlust von Arbeitsplätzen in der deutschen Landwirtschaft, wenn man strengere Tierschutzstandards durchsetzen möchte. Ich verkneife mir nun jegliches Wortspiel mit dem Namen des erwähnten Politikers, könnte mir aber vorstellen, dass seine Sichtweise der Dinge eine andere wäre.

Ein Blick ins aktuelle christdemokratische Grundsatzprogramm lässt immerhin folgende Passage in Kapitel 6 (Die Schöpfung und das Leben bewahren) finden:

Nach christlichem Verständnis sind Mensch, Natur und Umwelt Schöpfung Gottes. Sie zu schützen, ist unser Auftrag.

Dass sich Unionspolitiker gerne interpretationsfähig zeigen, wenn ihre eigene Programmatik nicht mehr den Zeichen der Zeit gerecht wird, wissen spätestens selbst die resistentesten Verteidiger christdemokratischer Politik seit der Fukushima Katastrophe. Jede Kastration würde Kosten verursachen, die man dem Schweinezuchtparadies von Europa, was ja nachweislich Deutschland ist, nicht zumuten möchte. Zwar wird man nach 2019 ebenfalls für eine Leidensminimierung bei Ferkeln diese Ausgaben genauso tätigen müssen, aber man hat damit ein unpopuläres Thema in eine andere Legislaturperiode verschleppt. Auch Pferde werden noch bis dahin warten müssen, bis man ihnen unnötige Schmerzen durch den sogenannten Schenkelbrand ersparen möchte. Man will die lange Tradition der Brandzeichen nicht brechen und obwohl auch hier durch örtliche Betäubung den Tieren Schmerzen zu ersparen wären. Mein Verständnis von Tierschutz ist ein völlig anderes.

Update vom 30. Januar 2013

Die Bundestagsabgeordnete Nadine Schön (CDU) erklärte nun, weshalb sie für diese Tierqualerei gestimmt hatte (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37827–f365914.html#q365914):

Der Schenkelbrand bei Pferden ist wie die Ferkelkastration eine sehr emotional
diskutierte Frage. Ab 2019 müssen sowohl der Schenkelbrand bei Pferden wie die
Ferkelkastration unter lokaler Betäubung erfolgen. Diese kann vom Tierhalter
durchgeführt werden. Der Schenkelbrand soll erhalten bleiben, weil er zum einen
eine klare Kennzeichnung ermöglicht und zum anderen stellt er ein wichtiges
Kulturgut und Markenzeichen für die deutsche Pferdezucht dar.

Eine solche Entscheidung soll sowohl von emotionalen als auch rationalen Gesichtspunkten geleitet sein. Beides läßt Frau Schön in Ihrer Darstellung komplett vermissen. Es ist nicht zu begreifen, dass erst ab 2019 eine Betäubung erfolgen soll. Das ist heute schon durchaus möglich. Beim Schenkelbrand rechtfertigt die CDU also die Tierqualerei tatsächlich mit den Begrifflichkeiten „Kulturgut und Markenzeichen„. Beides ist völliger Nonsens. Der Schenkelbrand ist keineswegs eine klare Kennzeichnung und erst recht nicht die einzig mögliche.

Die betäubungslose Ferkelkastration, die ebenfalls bis Ende 2018 erlaubt bleibt, ist notwendig, um den unangenehmen Geruch von Eberfleisch zu verhindern. Derzeit gibt es für Landwirte keine praktikablen Alternativmethoden. Dies bestätigen auch die mit diesem Thema befassten Wissenschaftler. Deswegen sollen die Erkenntnisse der aktuell laufenden Forschungsprojekte abgewartet werden, bevor die betäubungslose Ferkelkastration verboten wird.

Die Tierquälerei dient also den Gaumenfreuden der Verbraucher? So interpretiere ich die Darlegung von Frau Schön. Glatt gelogen ist die Aussage, dass es keine Alternativmethoden für eine betäubungslose Ferkelkastration gäbe. Wie üblich bei Unionspolitikern, greift man auf Argumente zurück, die aus der Luft gegriffen sind. Welche Wissenschaftler bestätigen diese unglaublichen Aussagen der CDU- Abgeordneten? Sie verzichtet auf fundierte Quellen, weil es diese schlichtweg nicht gibt. Gerne würde ich jene Wissenschaftler zu diesem Thema befragen…

Die Novelle setzt darüber hinaus die EU-Tierversuchsrichtlinie in deutsches Recht um und greift verschiedene nationale Tierschutzfragen auf. So wird beispielsweise das Verbot der Qualzucht rechtssicher gestaltet. Die Haltung bestimmter wild lebender Arten im Zirkus kann künftig eingeschränkt werden, sofern ein tiergerechter Transport dieser Tiere nicht möglich ist. Darüber hinaus werden die Nutztierhalter verpflichtet, die Haltungsbedingungen nach bestimmten Tierschutzindikatoren zu bewerten. Außerdem hat die Bundesregierung die Anregung des Bundesrates aufgegriffen und das Verbot sexueller Handlungen an Tieren verschärft.

Nutztierhalter sollen ihre eigenen Haltungsbedingungen bewerten. Das soll der große Durchbruch des christdemokratischen Tierschutzes darstellen? Lächerlich ist das.

Aus meiner Sicht waren dies gute Gründe für die Verabschiedung der Novelle des Tierschutzgesetzes und deshalb habt meine Fraktion diesen Regelungen auf den Weg gebracht.

Die schwarz- gelbe Regierung hat nichts anderes auf den Weg gebracht, wie die Tierquälerei bis mindestens 2019 zu verlängern. Ich bin fassungslos…

 

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6 Antworten to “Die Tierquäler der Republik”

  1. Gabriele Könemann Says:

    Muss man zwangsläufig zu dem Ergebnis kommen, dass Tierschutzgesetze in Deutschland nur aus dem Grund verfasst wurden, weil es eben „zum Guten Ton“ gehört, aber nicht in der Absicht, diese in der Praxis auch tatsächlich anwenden zu wollen.

    Allein der argmentative Verlauf dieser leidigen und obendrein unglaubwürdigen Disskussion um den Erhalt des Schenkelbrandes, entpuppt sich als echter „Schenkelklopfer“!

    Über Jahre werden die Für u. Wider beider Kennzeichnungsmethoden in Hinblick auf Tierschutzrelevanz unter Vorlage immer neuer Gutachten diskutiert, um dann zu dem Ergebnis zu kommen, dass doppelt zugefügter Schmerz durchaus mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sein soll!

    Wer sich im Hinblick auf den argumentativen Verlauf dieser Diskussion und dem nun präsentierten Ergebnis als Bürger nicht verarscht fühlt, dem ist beim besten Willen nicht mehr zu helfen!

    Oder ist es möglicher Weise allein diesem poliischen Totalausverkauf an Moral und Anstand zu verdanken, dass es Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wirtschaftlich noch einigermaßen gut geht?

    Der Deutsche tut für Geld einfach Alles!

    Pfui!

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    • forenwanderer Says:

      Hallo Gabriele,
      ein Anhänger der CSU hat es mir so erklärt: Wichtig in unserer Gesellschaft sind primär die eigenen Bedürfnisse Tiere sind weniger relevant. In unserem Landesverband der Piratenpartei hat sich der Tierschutz inzwischen zu einem gewichtigen Thema etabliert. Wir arbeiten auch eng mit Experten aus Tierschutzverbänden zusammen. Doch unser Einfluss als kleine Partei ist sehr bescheiden…

      Gruß,
      TB

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  2. shiva2012free Says:

    Der Artikel ist gut geschrieben – meine und die Gedanken vieler Bürger kommen hier zu Wort. Habe vor zwei Tagen davon gehört und konnte mir diesen sarkastische Photoshopkommentar nicht verkneifen: http://i1213.photobucket.com/albums/cc462/shiva2012/vonderleyenbranding_zpsc0336462.jpg

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  3. Gabriele Könemann Says:

    Sollte nicht sogar die Frage berechtigt sein, ob sich Beschluss des Bundesrates zum Thema „Schenkelbrand“ überhaupt mit der EU- Verordnung 504/2oo8 in Einklang bringen lässt, da diesen den „Schenkelbrand unter bestimmten Voraussetzungen lediglich als „in Ausnahmen zuglassene Alternative zurm Transponder“ gestattet.
    Von einer Kombination beider Kennzeichnungsmethoden ist in dieser Verordnung nicht die Rede!

    Hat man sich vielleicht sogar nur der „Tierschützer“ und deren Disskussion tierschutzrelevanter Aspekte beider Methoden bedient, um damit von der eigentlichen Problematik abzulenken?

    Tatsächlich liegt das Problem beim Schenkelbrand ganz wo anders:

    Nach jahrelanger Disskussion um die „Tierschutzrelevanz“ des Schenkelbrandes, hat sich endlich ein Wissenschaftler im EU- Ausland gefunden, welcher sich ausschließlich mit dem Thema der „Lesbarkeit von Brandzeichen“ auseinander gesetzt hat!
    Entsprechend der Studie von Herrn Prof. Aurich, Uni Wien, wird der Schenkelbrand zu keinem Zeitpunkt dem Anspruch „dauerhafter Lesbarkeit“ gerecht, welche aber seit der EU- Verordnung 504/2008 als Voraussetzung dafür gilt, dass ein Equide im Pass als „zur Schlachtung bestimmt“ beschrieben werden darf und im Umkehrschluss das Abhandekommen“ der aktiven Kennzeichnung zur Folge haben muss, dass das im Equidenpass beschriebene Pferd aus der Schlachtkette genommen werden muss!
    Herr Prof. Aurich kommt in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass 60% aller gebrannten Pferde auch von Fachleuten später nicht mehr über das Brandzeichen zu identifizieren sind.

    Was wiederum bedeutet, dass 60 % aller ausschließlich mit Brand gezeichneten Sportpferde aus der Schlachtkette genommen werden müssten, um den Rechtsvorschriften dieser Verordnung und den Rechtsgrundlagen für die Lebensmittelgewinnung tatsächlich gerecht zu werden.

    Das wäre aber der Ruin für die Deutsche Pferdezucht, da doch gerade Sportpferde von ihren Besitzer für den Fall der „Unreitbarkeit“ hoch versichert werden.
    Bei der Herausnahme eine solch hoch versicherten Pferdes aus der Schlachtkette würde der Eigentümer dieses Pferdes dieses Geld nicht mehr wie bisher in die Neuanschaffung eines Zuchtpferdes inverstieren können, sondern müsste dieses Geld statt dessen dafür aufwenden, diesem vierbeinigem „Sportinvaliden“ bis zum natürlichen Ableben noch ein angenehmes Leben zu finanzieren!(nicht zur Schlachtung bestimmte Pferde dürfen nämlich nur dann eingeschläfert werden, wenn sie von unerträglichen Schmerzen erlöst werden müssen, was aber nicht immer dann der Fall sein muss, wenn einem Pferd vom einem Tierarzt Unreitbarkeit z.B iin Folge einer Sportverletzung attestiert wird!)

    Die Einzige Möglichkeit den Schenkelbrand zu erhalten und sicherzustellen, dass zukünftig mit dem Schenkelbrand gekennzeichnete Equiden nicht aus der Schlachtkette ausgeschlossen werden, stellte eine Kombination aus Brand und Transponder dar. Und siehe da!………
    Trotzdem gibt es sie:
    – Pferde, die vor dem in Kraft treten dieser Verordnungen und Rechtsvorschriften lediglich mit einem Schenkelbrand gekennzeichnet wurden und deren „aktives Kennzeichnungsmerkmal‘ nicht mehr lesbar ist und somit aus der Schlachtkette genommen gehören, vorausgesetzt, irgendjemandem ist an der Umsetzung bestehender Gesetze und Verordnungen tatsächlich gelegen!

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