Ach wie gut, dass niemand weiß…

Rumpelstilzchen war sich seiner Sache zu sicher, dass niemand seinen Namen herausfinden könnte. Ein Zufall zerstörte schließlich doch noch die Selbstgefälligkeit der berühmten Märchengestalt. Hätten die Gebrüder Grimm damals bereits vom Projekt INDECT gehört, hätten sie sicher auf jenes Märchen verzichten müssen…

Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment (auf deutsch: Intelligentes Informationssystem zur Unterstützung von Überwachung, Suche und Erfassung für die Sicherheit von Bürgern in städtischer Umgebung) ist nicht allein in seiner wortgewaltigen ausgeschriebenen Formulierung ein wahres Monster. Dieses, von der EU finanzierte Forschungsprojekt zielt auf einen nahezu lückenlosen Überwachungs- und Polizeistaat ab.

Rumpelstilzchen hüpfte zwar singend und tanzend um sein Lagerfeuer im Wald herum, doch definitiv zählt solches Verhalten nach Definition von INDECT zu verdächtigen Verhaltensweisen. Auf dem Rückweg von der verzweifelten, mit einem Ultimatum in Bedrängnis gebrachten Müllerstochter am Hofe des Königs, würde jenes merkwürdig anmutende Männlein von etlichen Kameras, die den öffentlichen Raum überwachen, erfasst werden. Mit kamerabestückten Drohnen ist die Verfolgung auch in die entlegensten Winkel der Grimmchen Flora und Fauna in naher Zukunft relativ unproblematisch.

Ein  fehlendes Sozialverhalten, welches ich dem Herrn Rumpelstilz subjektiv unterstelle, könnte die nachfolgende Identifizierung über soziale Netzwerke, Internetforen und diverse weitere Datenbanken erschweren. Weniger begünstigt durch derartig unkommunikative Verhaltensmuster sind jene Menschen, die Kontakte pflegen und soziale Bindungen zu ihrem Lebensgefühl zählen. Halunken, wie Rumpelstilzchen, hätten demnach gewisse Vorteile…

Märchen nehmen in den meisten Fällen ein gutes Ende und die Bösewichte werden ihrer gerechten Strafe zugeführt, wenn auch im Falle des Rumpelstilzchens der kurios inszenierte Tod durch Zerreißen vor Wut, heutzutage eher an einen Selbstmordattentäter erinnert. Man könnte beinahe glauben, die Erfinder und Befürworter von INDECT hätten die Geschichte des Rumpelstilzchen als Argumentationshilfe für ihre kruden Vorstellungen von einem Überwachungsstaat herangezogen.

Wer Science Fiction mag, erinnert sich sicher an den Hollywood- Streifen Demolition Man, mit Sylvester Stallone und Wesley Snipes in den Hauptrollen. In einer längst befriedeten Zukunft des Los Angeles im Jahr 2032, wo bereits Graffiti als Schwerverbrechen geahndet wird, entfacht der wiederaufgetaute Gangster Phoenix aus dem Jahr 1996 ein wahres Inferno. Die Szenerie erinnert in weiten Teilen an unser aktuelles INDECT- Projekt, die Handlung bleibt allerdings im Stile Hollywoods.

Eines muss man jedoch den Filmemachern aus der kalifornischen Traumfabrik lassen. Ihre Visionen sind gewissermaßen wegweisend und werden in manchen Fällen sehr schnell von der Realität eingeholt. Minority Report,  ein weiteres Zukunftsdrama, verblüfft mit detailierten Parallelen zum INDECT- Fernziel. Verbrechen bereits zu verhindern, bevor sie begangen werden, entzückt jeden Sicherheitsfanatiker. Ernüchternd für Filmfans hingegen könnte die eher subtil dagegen erscheinende Umsetzung von INDECT wirken. Das macht die Sache aber nicht weniger gefährlich…

Wer die bedrückende Botschaft der beiden Filme schlussendlich als irreale Unterhaltung verstanden hat, wird sich bei näherer Betrachtung des INDECT- Projektes von der Zeit auf bedrohliche Weise eingeholt fühlen. Wer nun denkt, so etwas könne ihm nicht passieren, sollte sich den Fall Andrej Holm einmal näher betrachten. Nur weil sich der promovierte Sozialwissenschaftler ohne Mobiltelefon mit Freunden in Internetcafes traf und sich über Gentrification und Prekarisation unterhielt, wurde er aufgrund dieser Indizien, die ihn angeblich als Mitglied einer terroristischen Vereinigung identifizierten, verhaftet.

Verhaltensmuster lassen sich nicht zweifelsfrei klassifizieren. Manche Menschen verhalten sich sogar unbewusst merkwürdig, wenn sie sich von einer Kamera beobachtet fühlen. Auch Verwechslungen sind nicht ausgeschlossen. Wenn sich unsere Gesellschaft den Algorithmen von computergesteuerten Maschinen unterwirft, sind Utopien wie in filmischen Zukunftsvisionen a la Matrix oder Terminator nicht mehr fern. Persönlich möchte ich lieber solche Filme weiterhin im Kino genießen und mich darüber freuen, dass unsere Realität eine andere ist.

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