Gib dem Affen Zucker!

Ungleich heftig verteilt die Boulevard- Presse verbale Tiefschläge in Richtung Piratenpartei, besonders seit inzwischen 4 Landesparlamente mit Freibeuteranteil auszukommen lernen müssen. Während andere Parteien und deren Protagonisten schwere Patzer relativ unbeschadet überstehen dürfen, müssen Piratenpolitiker selbst bei ziemlich unbedeutenden Aktionen so manche Schmähung über sich ergehen lassen. Selbstverständlich sollen Medien über das Zeitgeschehen berichten, dennoch scheint eine wünschenswerte Neutralität vielen Journalisten nicht angeboren zu sein. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, welches auch von den Piraten sehr geschätzt und auch gelebt wird, jedoch zum Teil fehlerhafte Tatsachenbehauptungen beerdigen diesen Grundpfeiler unserer Demokratie zunehmend im Morast einer politisch gesteuerten Berichterstattung.

Den Spiegelartikel von Ole Reißmann über das Buch von Piratenvorstandsmitglied Julia Schramm offenbart eindrucksvoll, wie gezielt Negativpropaganda gegen die Piratenpartei betrieben wird. Nun muss man selbst als Pirat das Machwerk von @laprintemps, unter welchem Account sie auf Twitter unterwegs ist, nicht lesen oder gar mögen, dennoch sollte man ihr zugestehen, ein Buch schreiben zu dürfen. Auch wenn einem Verlag die geistigen Ergüsse der jungen Politikwissenschaftlerin über 100000 Euro wert sein sollen, ist dies zunächst losgelöst vom politischen Ehrenamt von Frau Schramm zu betrachten. Pikant an der Angelegenheit „Klick mich!“ ist eigentlich nur der Umstand, dass ausgerechnet diese Julia Schramm gleichzeitig eben auch Beisitzerin im Bundesvorstand der Piratenpartei ist und selbst vehement eine Urheberrechtsreform einforderte, noch bevor sie diesen Vertrag schloss. Das passt schlicht nicht zusammen. Die Rückendeckung aus den eigenen Reihen, insbesondere von ihren Vorstandskollegen, kann man bestenfalls menschlich befürworten, aber moralisch ist sie grundlegend falsch. Frau Schramm hat einen fatalen Fehler in ihrer Vertragsgestaltung begangen, der nicht mit den Idealen der Piratenpartei vereinbar ist. Als sie den Vertrag abgeschlossen hatte, war sie sicher der deutschen Sprache mächtig und sollte die vertraglichen Vereinbarungen als Politikwissenschaftlerin verstanden haben. Eine ausgesprochene Dummheit war es, überhaupt diesen Vertriebsweg als Pirat(in) zu wählen. Ohne die Piratenpartei hätte ihr Pamphlet sowieso keine Bedeutung gefunden, ungeachtet meiner Feststellung, dass „Klick mich!“ keine Lektüre wäre, die ich weiter empfehlen würde.

Zu Hassbekundungen gegen Frau Schramm haben sich leider viele Leser der Boulevardpresse und auch Piraten hinreißen lassen. Ich verurteile solche persönlichen Angriffe und möchte zur Sachlichkeit auffordern.

Im Spiegelartikel selbst, der hier nur als ein Beispiel von vielen herangezogen wurde, spannt der Autor den Bogen zum Programm der Piratenpartei durchaus mit Zynismus:

Eigentlich wollen die Piraten den freien Datentausch im Netz, alles kopieren, ohne lästige Urheberrechtsfragen. So steht es im Programm. Die Umsonst-Downloads sollen „explizit“ gefördert werden. 

Dass es so eben nicht im Programm der Piratenpartei steht, sollte nicht unerwähnt bleiben. Die entscheidenden Passagen im Programm der Piraten lauten hierzu:

Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte und die Interessen der meisten Urheber entgegen anders lautender Behauptungen von bestimmten Interessengruppen nicht negativ tangiert…Daher fordern wir, das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern, um die allgemeine Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur zu verbessern, denn dies stellt eine essentielle Grundvoraussetzung für die soziale, technische und wirtschaftliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft dar.

Auch an dieser Formulierung wird sich sicher noch einiges ab dem Bundesparteitag im November 2012 in Bochum ändern.

Persönlich habe ich Bedenken bei der extremen Auslegung unserer Urheberrechtsprogrammatik. Diese zielt darauf ab, die komplette Verwertungsindustrie überflüssig zu machen. Das ist allerdings zu kurz gedacht. Nicht jeder Künstler (Urheber) hat die Zeit, die Lust oder das Know How, seine Werke selbst zu vermarkten. Hierfür braucht es einen Dienstleistungssektor. Marketing und Produktion zum Beispiel von Datenträgern erfordern Investitionen und auch Manpower. Es muss eine Menge vorfinanziert werden, wenn man dieses Geschäftsmodell betreiben möchte.

Genau an dieser Stelle habe ich Probleme mit der Ausgestaltung unserer Urheberrechtsreform. Wenn also jemand urheberrechtlich geschützte Werke ohne eigenen kommerziellen Nutzen verbreitet, zerstört er damit ein bestehendes Geschäftsmodell. Außerdem eröffnet man dadurch die Möglichkeit, dass wiederum andere illegal kommerzielle Vorteile daraus generieren, ohne dafür Investitionen getätigt zu haben. Die Dienstleistung der Verwerter wird damit unattraktiv und ist nicht mehr lohnenswert. Mir muss dieses Geschäftsmodell, wie es von den Verwertungsgesellschaften betrieben wird, nicht gefallen, allerdings rechtfertigt dies nicht das Vorhaben, ein solches Geschäftsmodell zu zerstören. Der jeweilige Urheber soll frei in seiner Entscheidung bleiben dürfen, welches Geschäftsmodell er betreiben möchte, auch wenn es aus unserer Sicht eine falsche Entscheidung sein mag. Erkennen die Urheber das eigene Dilemma, mit welchem sie sich seit Jahrzehnten geißeln, und verfolgen zukünftig alternative und zeitgemäße Geschäftsmodelle, erübrigt sich zumindest eine praktische Umsetzung einer umfassenden Urheberrechtsreform. Das Dogma der Verwertungsindustrie, wie die Werke von Urhebern zu behandeln sind, wurde aus rein kommerziellen Erwägungen der Menschheit aufgezwungen. Unser heutiges Urheberrecht ist ein Auslaufmodell. Als Ex- Beatle George Harrison sich in den 70ern für indische Klangfarben und Instrumentationen begeisterte und diese mit seinen eigenen Kompositionen vermischte, hatte er sich im Prinzip an der asiatischen Kultur vergangen, wenn man es bizarr aus der Argumentationskette der Rechteverwerter herauslösen würde. Wo beginnt das Urheberrecht überhaupt? Müsste man nicht bereits einen einzigen Ton dem Urheberrecht unterwerfen? Das geistige Eigentum, wie es so gerne bezeichnet wird, ist in nahezu allen Fällen ein Mix aus vielen gewonnenen Eindrücken anderer kreativer Werke, die demzufolge somit auch eigenständiges geistiges Eigentum wären…

Ich erkenne in der Verbreitung von urheberechtlich geschützten Werken ohne kommerziellen Nutzen des Verbreiters zumindest die fahrlässige Inkaufnahme eines wirtschaftlichen Schadens dritter. Wenn der jeweilige Urheber ein Geschäftsmodell gewählt hat, welches an solch restriktive Bedingungen geknüpft ist, gilt es , das dennoch zu respektieren.

Die Bewertung nach der Teilhabe aller Nutzer an Kulturgütern soll meines Erachtens in der Verantwortung des Urhebers selbst bleiben. Womöglich gibt es sogar plausible Gründe, dass nicht jegliche geistigen Leistungen verbreitet werden sollten. Das kann ich nicht beurteilen und möchte deswegen auch nicht darüber urteilen.

 Wir erkennen die Persönlichkeitsrechte der Urheber an ihrem Werk in vollem Umfang an.

Dieser wenig beachtete Satz drückt eigentlich aus, dass der Urheber das Recht an seinem Werk nicht verliert und auch die Entscheidungsinstanz besitzen soll. Er kann und darf sein Werk auf jede ihm erdenkliche Weise vermarkten und Rechte an Verwerter übertragen, wenn dieses Konzept als sinnvoll betrachtet wird. Mit der Verbreitung des Werkes im Internet verliert der Urheber nicht sein Recht am eigenen Werk, aber zunehmend die Kontrolle über die Verbreitung und die Verbreitungswege. Dass damit nach jetzigem Stand der Verwertungskonzepte womöglich finanzielle Einbußen einhergehen, ist berechenbar gewesen und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Hinterher dieses Geschäftsmodell wieder durch Gesetze durchsetzen zu wollen, übersteigt die Möglichkeiten der Gegebenheiten unserer Zeit.

Nach dieser Exkursion in meine recht liberalen, persönlichen Vorstellungen über unser eingebranntes Verständnis von der Verwendung geistiger Leistungen gibt es für Julia Schramm kaum noch Spielräume im Umgang mit ihrem eigenen Fauxpas, welches sie zum Problem der gesamten Piratenpartei gemacht hat. Ich unterlasse bewusst jegliche weitere Ratschläge bezüglich einer sinnvollen Entscheidung von Frau Schramm. Schließlich möchte sicher kein Pirat diversen Affen Zucker geben, um letztendlich selbst zur eigenen Karikatur dieser Redewendung zu werden?

Schlagwörter: , , , , ,

Eine Antwort to “Gib dem Affen Zucker!”

  1. neuemodelle Says:

    http://neuemodelle.wordpress.com/2012/08/05/der-fluch-der-piraten/

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: