Patient Urheberrecht wartet auf Behandlung!

Nachdem beinahe jeder, der zum Thema etwas mehr oder weniger sinnvolles zu sagen hatte, sich als Gegner oder Befürworter des veralteten Urheberrechts positioniert hat, sollte man endlich gemeinsam nach adäquaten Lösungen suchen. Und auch jene, die sich noch nicht zum Sachverhalt geäußert haben, aber maßgeblich von möglichen Entscheidungen betroffen sein könnten, dürfen nicht schweigen und hoffen.

Sven Regener, Romanautor und Musiker, also selbst ein Kunstschaffender und somit Urheber, spitzte kürzlich die brisante Diskussion um das Urheberrecht dramatisch zu. In dieses Fahrwasser begaben sich Tatort- Autoren und weitere Protagonisten, um zum Teil durch gefährliches Halbwissen das Thema eskalieren zu lassen. Der Protest richtete sich gegen die sogenannte Netzgemeinde und ihren vermeintlich politischen Arm, die Piratenpartei. Unterstützt werden solche Aktionen gerne von den Lobbyisten der Verwertungsindustrie, die seit Jahrzehnten von der etablierten Praxis bei der Vermarktung von Immaterialgütern profitieren. Dazu zählt auch eine gewisse Elite von Urhebern, die natürlich immer eine hohe mediale Beachtung findet, sobald sie sich öffentlich artikuliert. Der deutlich größere Teil der Urheber hingegen bleibt unbeachtet und kann von dieser Art der Verwertung ihrer geistigen Produkte eigentlich gar nicht leben.

Wenn man allein einige Zitate aus Herrn Regeners Zündfunk- Interview analysiert, wird offensichtlich, wie sehr die halbherzig geführte Debatte an einem zeitgemäßen Ziel vorbei geleitet wird. Es geht um Besitzstandswahrung und nicht um Gerechtigkeit. Es geht um die Erhaltung antiquierter Geschäftsmodelle und nicht um eine zeitgemäße, längst überfällige Reform.

Es wird so getan, als ob wir Kunst machen als Hobby.

So ziemlich jeder Künstler hat irgendwie so angefangen. Viele betreiben ihre Kunst das gesamte Leben lang als Hobby. Einige können mit etwas Glück sogar Geld damit verdienen. Wenige aus diesem elitären Kreis räumen hingegen mächtig ab. Die Umstände haben sich nicht geändert, aber die digitale Revolution durch das Internet definiert die Ausgangssituation neu. Das wollen besonders jene nicht wahr haben, die nach bewährten Geschäftsmodellen die großen Stücke des Kuchens bekamen und eigentlich immer noch bekommen.

Regener steigert sich weiter in haltlose Argumente hinein:

Euer Kram ist nichts wert. Wir wollen das umsonst haben. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.

Würde man die Werke von Künstlern nicht wert schätzen, bestünde keine Nachfrage. Das mag sogar für eben solche künstlerischen Ergüsse zutreffen, die demzufolge nicht gekauft werden. Diesen „Kram“ will auch niemand umsonst haben, indem man sich durch illegale Downloads dessen bemächtigt. Aber es kann durchaus vorkommen, dass durch solche Downloads, auch wenn die entsprechenden Künstler daran nichts verdienen, eine höhere Aufmerksamkeit erzielt wird. Diesen Umstand haben sogar einige Branchenvertreter erfolgreich ausgenutzt. Daher ist es gar nicht so unvorstellbar, dass eine aktuelle Studie sogar konstatiert, dass durch sogenanntes Filesharing die Verkaufszahlen von populären Produkten aus dem Bereich des geistigen Eigentums eine Steigerung erfahren haben.

Zu glauben, man könnte auf Plattenfirmen verzichten, und dann würde man trotzdem noch dieselbe Musiklandschaft vorfinden, wie wir sie jetzt haben, oder sagen wir mal vor zehn Jahren hatten, das ist ein großer Irrtum.

Es ist keine Glaubensfrage, wenn man die Geschäftsmodelle der Verwertungsindustrie im 21. Jahrhundert in Frage stellt. Vor 30 Jahren musste man für ca. 15 D- Mark eine Vinyl- Schallplatte mit etwa 10 Titeln und einer durchschnittlichen Spieldauer von 45 Minuten käuflich erwerben. Man hätte sich auch die wenigen wirklich guten Tracks auf einen solchen Album aus dem Radio auf Kassette aufnehmen können, wenn man mehr oder weniger die Stimme des Moderators am Ende des Tracks hingenommen hätte. Gute Alben hat man trotzdem gekauft und nahm den Qualitätsverlust nach jedem Abspielvorgang in Kauf. Da wurden auch weniger gute Alben gekauft, weil man unbedingt auf den einzig guten Titel, der sich darauf befand, nicht verzichten wollte. Heute ist man flexibler geworden und das trifft nicht allein auf die Konsumenten zu. Die Musiklandschaft hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte drastisch verändert und auch die Plattenfirmen mussten sich anpassen. Die Künstler können heutzutage sehr wohl auf Plattenfirmen verzichten, wenn sie ein eigenes Vertriebskonzept bevorzugen möchten. Ob es sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Verwerter besitzen durchaus eine Daseinsberechtigung, denn die Urheber sind nun mal selten Geschäftsleute und findige Marktstrategen. Problematisch daran ist jedoch, wenn die Verwerter die Künstler und ihre Werke quasi vollkommen vereinnahmen. Genau das ist jedoch im Laufe der Zeit geschehen und scheint als Normalzustand akzeptiert worden zu sein. All diese Veränderungen haben jedoch noch nichts mit dem Urheberrecht zu tun, welches hier die Diskussionsgrundlage bildet.

Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n’Roll rauskommen – das kann man knicken.

Der Herr Regener hat sich offensichtlich noch nie wirklich mit unseren Sozialsystemen beschäftigen müssen? Das Sozialamt kommt tatsächlich nicht bei Arbeitslosen vorbei – nein, man muss den Weg zum Arbeits- oder Sozialamt schon selbst antreten. Künstler sind da sicher nicht privilegiert, aber man wird sie auch nicht schlechter behandeln als andere Menschen, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen. Und so mancher Hartz- 4 Empfänger kann vielleicht auch ganz gut Gitarre spielen oder seine Zeit sinnvoll als Buchautor ausnutzen. Realitätsferne lässt sich kaum besser ausdrücken.

YouTube gehört Google. Das ist ein milliardenschwerer Konzern, die aber nicht bereit sind, pro Klick zu bezahlen…

Wir sehen nicht ein, dass Milliardengeschäfte gemacht werden, auch mit Werbung in diesem Bereich, und wir kriegen davon nichts ab…

Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist scheiße.

Immerhin hat Herr Regener damit recht, dass YouTube eine Sparte des Google- Konzerns ist. Alles weitere jedoch ist purer Unfug und zeugt von einer weitreichenden Unkenntnis über die Geschäftspraktiken seiner Verwertungsgesellschaften, die er doch so sehr unterstützt. Auch in diesem Fall haben die Geschäftsbeziehungen zwischen YouTube und der GEMA als Vertreter der Interessen der deutschen Schaffenden von geistigem Eigentum nicht viel mit dem Urheberrecht zu tun. Hier werden sogar massiv Inhalte gesperrt, weil die Vertragspartner sich nicht einigen können. Auch das Bezahlmodell ist reine Verhandlungssache. Wenn die Künstler nach seiner Auffassung nichts davon abbekommen, was in angeblichen Milliardengeschäften eingenommen wird, kann ein Herr Regener dieses Defizit doch nicht als Verschulden der Konsumenten bezeichnen. Im Grunde schimpft Regener auf seine eigene Inkompetenz als Geschäftsmann und auf seine direkten Geschäftspartner, die ihn offensichtlich über den Tisch ziehen…

Heribert Prantl versucht in seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung das Leistungsschutzrecht gegenüber dem Urheberrecht zu positionieren:

…waren so in Sorge, wie es heute die Zeitungsverleger sind, wenn ihr Online-Angebot wirtschaftlich von News-Aggregatoren weiterverwertet wird.

Verlage fühlen sich hintergangen, wenn ihre Artikel von anderen übernommen und vermarktet werden. Das klingt plausibel und wirkt ungerecht gegenüber der journalistischen Leistung und dem wirtschaftlichen Aufwand. Man erkennt schnell, dass Verwerter in der Zeitungsbranche etwas andere Sorgen plagen. Aber sind daran jene schuld (Google und andere News- Aggregatoren), die diese Informationen überhaupt erst streuen, damit sie wahrgenommen werden. Gesetztlich ist bereits geregelt, wie weit Texte der Orinigalquelle übernommen werden dürfen. Man denke dabei an Zitate und Quellenangaben…

Gerne wird jedoch unterschlagen, dass beispielsweise Google News diese Infomationen komplett elektronisch einsammelt und zur Verfügung stellt. Wer verhindern möchte, dass dieser Dienst von Google auf das eigene Angebot zugreifen darf, kann das sehr leicht, ebenfalls elektronisch, unterbinden:

<meta name=“Revisit-after“CONTENT=“8″>

<meta http-equiv=“robots“content=“nofollow“>

<meta http-equiv=“robots“content=“all“>

<meta http-equiv=“robots“content=“noindex“>

Diese lustigen Zeilen HTML- Code entscheiden darüber, ob eine Suchmaschine die entsprechende Website durchforsten darf oder eben nicht. Eine weitere Möglichkeit bietet das Implementieren einer entsprechend erstellten Datei robots.txt. Es gibt also durchaus Möglichkeiten, den Suchdiensten das Sammeln von Daten auf der eigenen Internetpräsenz zu untersagen. Das ist ja schon mal ein Anfang. Natürlich darf man sich hinterher nicht beschweren, wenn man im Intenet kaum noch gefunden wird…

Es wird und muss eine Verschiebung in den Erlösen aus der Verwertung geistigen Eigentums resultieren. Die alten Geschäftsmodelle können der Entwicklung nicht stand halten. Nur mit Zensur und Blockademaßnahmen, die an anderen Stellen wiederum erheblichen Aufwand erzeugen, könnte man vielleicht kurzfristig die Besitzstandsverhältnisse wahren. Der Preis wäre hoch für die Allgemeinheit. Hingegen kann die Reform des Urheberrechts die Urheber sowie die Konsumenten stärken und der Verwertungsindustrie immer noch ausreichend Einnahmen zugestehen.

Eine Verschärfung der Gesetze, wie es beispielsweise ACTA vorsieht, ist völlig überflüssig, kostspielig und auch menschenverachtend. Urheberechtsverletzungen können nach wie vor geahndet werden. Das Verbreiten von illegalen Raubkopien soll ja keineswegs legalisiert werden. Man muss sich dazu nur die Geschäftsmodelle dieser illegalen Downloadportale ansehen. Diese sind weitgehend werbefinanziert. Nun sollte sich doch die Frage stellen, wieso es überhaupt legal möglich ist, dass sich illegale Downloadportale und Filesharing- Plattformen über Werbeeinahmen finanzieren dürfen? Macht sich nicht das werbende Unternehmen auf solchen Internetdiensten mehr strafbar als der Konsument, der sich entsprechende Inhalte herunterlädt? Eigentlich liegt die Lösung auf der Hand, warum ignoriert man dies?

Anstatt den Downloadern mit Abmahnanwälten hinterher zu jagen, sollte man den Sumpf dort austrocknen, wo er entstanden ist. Die Finanzbranche macht es eindrucksvoll vor, wie man dort effektiv Phishing bekämpft. Es gelten in etwa die gleichen Voraussetzungen, technisch wie juristisch, dennoch funktioniert es in der Bankenwelt wesentlich besser.

Nicht allein das Austrocknen der Geschäftsmodelle von illegalen Download- und Filesharing- Portalen könnte eine zielsichere Waffe gegen Urheberrechtsverletzungen darstellen. Eine qualitative Verbesserung von legalen Musik- und Filmangeboten würde die illegale Konkurrenz zurückdrängen. Doch mit absurden Kopierschutzmaßnahmen und unflexiblen Formaten erreicht man eher das Gegenteil. Die Branche betrachtet ihre potentiellen Kunden sehr pauschal als Feinde und Verbrecher. Das schafft kein Vertrauen.

Künstler wie Sven Regener, die sich an Aktionen wie http://www.wir-sind-die-urheber.de/ oder http://www.drehbuchautoren.de/nachrichten/2012/03/offener-brief-von-51-tatort-autoren-0 beteiligen, haben schlichtweg nicht begriffen, wer ihnen eigentlich das Fell über die Ohren zieht.

Daher sollte endlich ein vernünftiger Dialog zustande kommen, der die Probleme der Urheber mit dem aktuellen Urheberrecht aufgreift und gemeinsam eine Lösung anstrebt, welche auf die Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts ausgerichtet ist.

Die Kommentarfunktion ist aktiviert und auch ansonsten darf man mich gerne mit Input versorgen…

Anmerkung: Ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Verwerter“, „Verwertungsgesellschaft“ und „Verwertungsindustrie“ verschiedene Bedeutungen besitzen und auch oft falsch verstanden werden. Auch ich muss zugeben, nicht genau spezifiziert zu haben. Während man in Deutschand beispiesweise die GEMA und VG Wort zu den Verwertungsgesellschaften zählen kann, gehören Verlage und Musiklabels nicht unbedingt dazu. Hier kann man unter Umständen von „Verwertern“ sprechen. Alles zusammen wird pauschal als Verwertungsindustrie betitelt. Eine klare Definition oder Unterscheidung scheint es nicht zu geben. Praktisch kann ein Urheber also auch sein eigener Verwerter sein, wenn er seine Produkte selbst vermarktet.  

Schlagwörter: , , , , , , ,

2 Antworten to “Patient Urheberrecht wartet auf Behandlung!”

  1. Arne Says:

    ich fände es zauberhaft, wenn bei dem verwendeten bild der urheber korrekt vermerkt wird, wo wir schon beim thema sind.

    Gefällt mir

    • forenwanderer Says:

      Selbstverständlich. Leider wird in der Wikipedia unter dem Bild nur der Name der gezeigten Person angezeigt. Wenn man unten rechts das kleine Symbol anklickt, wird das Bild vergrößert dargestellt und weitere Daten kommen zum Vorschein, wie auch die Angaben zum eigentlichen Urheber. Ohne diesen Hinweis hätte ich das gar nicht wahrgenommen und die Quellenangabe sollte bereits bei der Primärdarstellung korrekt vermerkt sein. Diesem Defizit bin ich jetzt nachgekommen.

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: