Auch wir sind „die“ Urheber – eine virtuelle Gegendemo

Bisweilen wirkt es schon ziemlich dekadent, wenn sich gewisse Leute unserer Gesellschaft plakativ als „die“ Urheber vorstellen bzw. darstellen. So geschehen mit der Internetpräsenz Wir sind die Urheber

Diese Formulierung impliziert die falsche Vorstellung, dass genau diese Leute und keine anderen zum elitären Kreis der Urheber zählen. Wer nicht mitzeichnet, ist dieser Naivität folgend, somit kein Urheber. Doch lassen wir diese Wortspielereien…

Natürlich habe ich wie so oft auch in diesem Fall versucht, den Dialog zu suchen. Erwartungsgemäß ist mir das auch diesmal nicht gelungen, was ausgerechnet bei jenem Thema sehr auffällig wirkt. Die sogenannten Urheber neigen zu populistischen Aktionen und suchen die Aufmerksamkeit der Medien. Auf einen konstruktiven Dialog lassen sie sich nur ungern oder gar nicht erst ein.

Wie schon in anderen Fällen wage ich mich daher an meine einsame und hoffentlich auch aufklärende Analyse. Dieses Mal jedoch versuche ich nicht nur die Gegner des bestehenden Urheberrechts gegen die Angriffe der Content- Industrie zu verteidigen, sondern möchte im Gegenzug Antworten auf essentielle Fragen erhalten:

1. Bin ich nach Ihrer Auffassung ebenfalls Schöpfer geistigen Eigentums, wenn ich eine Software entwickele, die innerhalb meiner Firma zum Einsatz kommt?

2. Wenn ja – wer besitzt die Urheberrechte an dieser Software?

3. Bin ich nach Ihrer Auffassung ebenfalls Schöpfer geistigen Eigentums, wenn ich eine Idee umsetze, die technisch bzw. mechanisch und chemisch, Nacktschnecken davon abhält, meine Blumen im Garten kahl zu fressen?

4. Wenn ja – wer besitzt die Urheberechte oder genau genommen die Patentrechte an dieser Idee?

5. Wie definieren Sie eigentlich geistiges Eigentum?

6. Wie kann man überhaupt geistiges Eigentum stehlen?

In einer arbeitsteiligen Gesellschaft geben Künstler die Vermarktung ihrer Werke in die Hände von Verlagen, Galerien, Produzenten oder Verwertungsgesellschaften, wenn diese ihre Interessen bestmöglich vertreten und verteidigen.

Die Zitate entstammen der bereits oben erwähnten Internetpräsenz von Matthias Landwehr, der natürlich diese Fragen vor Veröffentlichung an dieser Stelle erhalten hat. 

Als Arbeitnehmer geben viele Menschen durch geistige wie auch durch körperliche Arbeit, ihre Leistung an Unternehmen weiter, die damit Umsätze generieren. Insoweit unterscheidet sich die Situation vieler Menschen rational betrachtet wenig von der Situation zwischen Künstlern und deren Verwertungsgesellschaften. Als IT- Administrator bin ich ständig in meinem beruflichen Umfeld damit beschäftigt, meine geistigen Fähigkeiten einsetzen zu müssen. Ich erarbeite Strategien für effizienteren Support und setze auch viele Ideen praktisch um. Von mir wird von meinem Arbeitgeber verlangt, dass ich mein Know How an Kollegen weiter gebe und sogar dokumentiere, damit später neue Mitarbeiter schneller in die Lage versetzt werden können, ihre Arbeit gewinnbringend umsetzen zu können. Das ist gelebte Praxis in eigentlich allen Berufen mit abhängiger Beschäftigung. Mit dem Monatsgehalt wird man auch für das Verbreiten des eigenen geistigen Eigentums entlohnt. Nur in Ausnahmefällen beteiligt das Unternehmen seine Mitarbeiter für den erwirtschafteten Mehrwert ihrer geistigen Leistung. Sehr häufig geschieht es sogar, dass hochqualifizierte Mitarbeiter, wenn sie ihr Know How umfassend an ihren Arbeitgeber ausgeschüttet haben, durch billige Arbeitskräfte fortan der „Urheber des Erfolgs“ ersetzt wird. So sieht die gängige Praxis in Unternehmen aus und somit sind diese Unternehmen im Prinzip auch Verwerter. Die Nacktschneckenfalle funktioniert übrigens und ich hätte keine Chance, es seriös einklagen zu können, wenn meine Nachbarn diese Idee kopieren (stehlen – nach Ihrer Auffassung).

7. Ist es nicht anmaßend, wenn sich „Künstler“ (Definition steht noch offen) als alleinige Schöpfer geistigen Eigentums betrachten?

8. Welche Interessen des Urhebers werden mit einem Leistungsschutzrecht vertreten, dass deutlich über den Tod des Urhebers hinaus gelten soll?

Die neuen Realitäten der Digitalisierung und des Internets sind kein Grund, den profanen Diebstahl geistigen Eigentums zu rechtfertigen oder gar seine Legalisierung zu fordern.

Was diese Urheber und noch mehr die Verwerter kritisieren, war und ist für Menschen in normalen abhängigen Beschäftigungsverhältnissen seit je her Realität. Jeder Handwerksmeister gibt seine Fähigkeiten an seine Lehrlinge weiter. Diese werden später selbst Handwerker und betreiben nicht selten ein eigenes Unternehmen. Die erworbenen Fähigkeiten entstammen jedoch dem geistigen Eigentum des früheren Meisters. Das können beispielsweise raffinierte Techniken sein, Fließen zu verlegen oder andere geniale Arbeitstechniken. Auch wenn der ehemalige Lehrling in seiner eigenen Firma später diese erlernten Techniken anwendet, wird sich sein ehemaliger Meister kaum auf sein Urheberecht berufen können. Man macht somit deutliche Unterschiede, welche geistige Leistung auch als solche angesehen und geschützt wird. Die Digitalisierung hat plötzlich für viele Künstler die Situation geschaffen, mit welcher viele andere Menschen seit je her leben müssen.

9. Warum nennt man es im Beispiel des Lehrlings nicht ebenfalls Diebstahl des geistigen Eigentums?

Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können und schützt uns alle, auch vor global agierenden Internetkonzernen, deren Geschäftsmodell die Entrechtung von Künstlern und Autoren in Kauf nimmt. Die alltägliche Präsenz und der Nutzen des Internets in unserem Leben kann keinen Diebstahl rechtfertigen und ist keine Entschuldigung für Gier oder Geiz.

Es ist unter anderem auch das Bestreben der Piratenpartei, dass Urheber auch unter den neuen Umständen von ihrer Arbeit leben können sollen. Von Legalisierung des Diebstahls geistigen Eigentums ist nirgends die Rede, zumal dies faktisch gar nicht möglich ist. Ein Diebstahl setzt voraus, dass ein Besitztum den Besitzer unrechtmäßig wechselt. Das ist nicht der Fall. Das Original bleibt erhalten, Kopien werden verbreitet. Dass jedoch genau dieser Umstand die Einnahmemöglichkeiten der Verwertungsgesellschaften reduzieren kann, ist uns natürlich bewusst. Diese Einnahmeeinbußen werden auch gerne an die Urheber entsprechend rechtfertigend herangetragen. Dass jedoch in erheblichem Maße die Verwertungsgesellschaften dazu beitragen, dass illegale Kopien angefertigt und verbreitet werden können, darf man in dieser Diskussion nicht verschweigen. Der Status Quo lässt sich nicht mehr ändern, es sei denn, man reglementiert das Internet so sehr, dass jegliche Innovation stirbt. Die Lösung muss in einer Reform des Urheberrechts zu finden sein, nicht am Festhalten an einem veralteten maroden System.

10. Nehmen Sie zur Wahrung Ihrer Interessen in Kauf, dass Menschen (Internetnutzer) pauschal kriminalisiert werden?

11. Möchten Sie Ihre potentiellen Kunden durch ein kompliziertes, nicht zeitgemäßes Urheberrecht in ihrer persönlichen Freiheit einschränken?

12. Wer sucht Ihrer Ansicht nach, Gier und Geiz zu entschuldigen?

Meine Fragen wurden erwartungsgemäß nicht von Matthias Landwehr oder einem der anderen Protagonisten, welche auf seiner Internetpräsenz ihre Solidarität für dieses fehlerbehaftete Pamphlet zeigen, beantwortet…

Ausgerechnet im Berliner Magazin Cicero fand ich dann einen interessanten Artikel über den „Urheber“ der Initiative „Wir sind die Urheber“. Er gehört, wenn man der Autorin Hanna Leitgeb Glauben schenkt, in der Nahrungskette dieser Branche zwischen Urheber und Verlag. Er selbst ist demzufolge weniger Urheber als vielmehr Dienstleister. Genau diese Tätigkeit würde im Falle einer Reform des Urheberrechts zur Disposition gestellt werden. Macht er seine Arbeit gut, hat selbst dieses Geschäftsmodell eine zukünftige Daseinsberechtigung. Es ist immer wieder bemerkenswert, dass ausgerechnet solche Initiativen größtenteils von Verwertern ins Leben gerufen werden.

Eine Gegeninitiative gibt es inzwischen auch: Wir sind die Bürger!

 

Anmerkung: Ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Verwerter“, „Verwertungsgesellschaft“ und „Verwertungsindustrie“ verschiedene Bedeutungen besitzen und auch oft falsch verstanden werden. Auch ich muss zugeben, nicht genau spezifiziert zu haben. Während man in Deutschand beispiesweise die GEMA und VG Wort zu den Verwertungsgesellschaften zählen kann, gehören Verlage und Musiklabels nicht unbedingt dazu. Hier kann man unter Umständen von „Verwertern“ sprechen. Alles zusammen wird pauschal als Verwertungsindustrie betitelt. Eine klare Definition oder Unterscheidung scheint es nicht zu geben. Praktisch kann ein Urheber also auch sein eigener Verwerter sein, wenn er seine Produkte selbst vermarktet.  

 

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Eine Antwort to “Auch wir sind „die“ Urheber – eine virtuelle Gegendemo”

  1. Des Schwachsinns fette Beute… | Froitzheims Wortpresse Says:

    […] zur Schau stellt und die Fakten auch nach einer Korrektur nicht auf die Reihe kriegt (Zitat): Anmerkung: Ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die Begriffe “Verwerter”, […]

    Gefällt mir

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