Die Urheberknechte

Anlass für diesen Artikel war dieser Artikel in der FAZ:

Unter Piraten – Artikel von Tatort- Autor Niki Stein

Sehr geehrter Herr Stein,

gerne nehme ich den Dialog an, obwohl ich Pirat bin. Womöglich bin ich sogar selbst Urheber, da ich Blogartikel verfasse, Computerprogramme schreibe und meine geistigen Ideen beinahe täglich umsetze.

Für meine Blogartikel erhalte ich keine finanzielle Entlohnung, vielleicht gelegentlich etwas Zustimmung und Anerkennung. Meine Computer- Tools, so hat man mir gesagt, gehören im Prinzip dem Unternehmen für welches ich arbeite, sofern ich diese während meiner Arbeitszeit programmiere. Meine anderen geistigen Ergüsse konnte ich bislang noch nicht in finanzielle Vorteile umsetzen, ist wohl zum Teil auch mein eigener Fehler.

Irgendwann verkaufte ich ein Drehbuch an das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF. Ich bekam 15.000 Mark.

Lieber Herr Stein, genauso machen viele Leute ihre Geschäfte und handeln für ihr angebotenes Produkt eine entsprechende Entlohnung aus. Ein Liter Milch kostet im Supermarkt ca. 1 € und ein Kleinwagen bekommt man schon für knapp 9000 €. Alles hat irgendwie seinen Preis. Die Nachfrage beeinflusst diesen nachhaltig. Sie haben also für Ihr Drehbuch eine Entlohnung erhalten. Damit wurde Ihr Aufwand gewürdigt und beide Verhandlungspartner waren sich wohl einig. In einem solchen Fall spielt das Urheberrecht nur eine untergeordnete Rolle und kommt erst wieder zum Tragen, wenn Ihr Drehbuch erneut auf Interesse stößt. Das geltende Urheberrecht gesteht Ihnen bzw. dem Verwerter, mit welchem Sie den Handel getätigt haben, eine weitere Verwertung zu, anderen jedoch nicht.

Bleiben wir zunächst beim Liter Milch, dessen Urheber wohl ein Landwirt bzw. dessen Kuh wäre, würde man Milch als Immaterialgut akzeptieren, was es ja nicht ist. Für den Sachverhalt spielt es aber keine Rolle, das Drehbuch liegt schließlich auch irgendwie in greifbarer Form vor. Niemand interessiert es, ob der Käufer die Milch zur Herstellung eines Puddings verwendet oder sie seiner Katze gibt. Verwendet aber jemand ihr Drehbuch, um daraus ein Theaterstück auf einer Bühne mit einer Laienspieltruppe aufzuführen, verlangen die Verwertungsgesellschaften erneut nach Entlohnung. Auch der Kleinwagen darf beliebig oft den Besitzer wechseln und sogar neu lackiert werden, niemand käme auf den Gedanken, den rechtmäßigen Besitzer dafür abmahnen zu wollen. Ich gebe zu, die Vergleiche sind weit hergeholt,  sollen auch nur ein gängiges Geschäftsmodell verdeutlichen.

Ich versuche zu verstehen: Weil man theoretisch das von mir geschaffene Produkt Film im Internet beliebig oft reproduzieren und ohne Kosten zur Verfügung stellen kann, darf man mich dafür nicht entlohnen.

Lieber Herr Stein, ich dachte, Sie wurden bereits entlohnt? Sie verkaufen Ihre Drehbücher für Geld. Wenn Ihre Verhandlungsbasis nicht dem Ergebnis entspricht, ist das nicht die Schuld der Konsumenten. Gerade weil sich die Umstände durch die digitale Revolution erheblich verändert haben, ist es erforderlich, das eigene Geschäftsmodell an die neue Situation anzupassen. Alternativ könnte man auch jegliche Digitalisierung untersagen, Innovationen und somit den Fortschritt verhindern, um überholte Geschäftsmodelle künstlich am Leben zu erhalten. Es war sicher schmerzlich für Pferdekutschen- Unternehmer, als mit der Industrialisierung das Automobil deren Geschäftsgrundlage nachhaltig zerstörte. Kaum jemand kennt noch den Scherenschleifer, dessen Dienstleistung heutzutage niemand mehr wirklich in Anspruch nehmen muss.

Nun bedeutet es nicht, dass durch die Möglichkeit der digitalen Reproduktion, Ihnen Ihr Urheberrecht entzogen werden soll. Wird Ihr Werk kommerziell ohne Ihre Zustimmung verwertet, können Sie dagegen vorgehen. Leider verfolgt die Verwertungsindustrie in hohem Maße Konsumenten, die Filme und Musik ohne kommerziellen Nutzen untereinander tauschen. Das gab es auch schon vor dem digitalen Zeitalter. Manche Künstler wurden auf diese Weise, gerade weil ihr geistiges Eigentum sich rasant um den Globus verbreitete, erst dadurch berühmt und konnten eine Karriere starten. Diesen Leuten war jedoch von Beginn an bewusst, dass das alte Geschäftsmodell der Verwertungsindustrie nicht von Nutzen sein würde und sowieso nicht funktionieren kann.

Denn das Bezahlen der Nutzung würde einen Überwachungsapparat generieren, der die Freiheit des Einzelnen beschneidet.

Genauso ist es. Mit ACTA will man ein solches Monster schaffen, dass alle Menschen, die am digitalen Leben partizipieren, unter Kontrolle bringen und unter Generalverdacht stellen. Massiv will man sich in teilweise intime Angelegenheiten der Menschen einmischen, nur um herausfiltern zu können, wer womöglich gegen das Urheber- oder Patentrecht verstoßen haben könnte. Dabei ist das derzeit aktuelle Urheberecht so kompliziert, dass selbst sogenannte Experten daran kläglich scheitern. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses der Bundesregierung und nebenbei ausgewiesener Jurist, Siegfried Kauder (CDU), Verfechter von schärferen Regelungen beim Urheberecht, wurde selbst Opfer in seiner eigenen Falle. Damit zog er sich zu Recht Hohn und Spott zu.

Ich versuche eine Übertragung in die Vergangenheit: Da die Verkaufswege in einem Kaufhaus selbst bestimmt sind und ohne die Kontrolle durch einen Verkäufer auskommen, muss ich die Ware auch umsonst abgeben. Denn die Einführung eines Überwachungssystems, etwa eines Ladendetektivs oder von Überwachungskameras, bedeutet eine Beschneidung der Freiheit des Warenhausbesuchers. Er muss sich beobachten lassen und wird zu Zwangshandlungen genötigt: dem Bezahlen an der Kasse. Das ist aber einer Gesellschaft nicht zuzumuten. Deswegen sollte man die Ware besser gleich umsonst abgeben.

Jetzt wird’s peinlich, Herr Stein. Eine Übertragung in die Vergangenheit ist genau die Zielsetzung der Verwertungsindustrie, um sich nicht an die Gegenwart anpassen zu müssen. Ihr Kaufhaus- Exempel basiert übrigens nun auch auf physischen Waren und keineswegs auf Immaterialgütern, um die es eigentlich geht. Es gibt dort übrigens Ladendetektive und Überwachungskameras, nur um diesen Umstand klar zu stellen. Um aber dem Vergleich gerecht zu werden, würde es übertragen in die Gegenwart oder Zukunft (ACTA) bedeuten, dass jeder, der das Kaufhaus verlässt, ob er nun etwas gekauft hat oder nicht, eine Komplettüberprüfung samt aller Intimbereiche über sich ergehen lassen muss. Der Besucher des Kaufhauses wäre zu solchen Zwangshandlungen genötigt. Das ist einer Gesellschaft also zumutbar?

Habe ich da jetzt etwas falsch verstanden?

Ja!

Sie sagen, auch wenn ich nicht für meine Leistung bezahlt werden kann, ziehe ich einen Nutzen daraus. Denn meine Arbeit wird von mehr Menschen nachgefragt, wird also effizienter.

Sie wurden doch bereits für Ihre Arbeit bezahlt? 15.000 Mark, wenn ich mich recht entsinne? Wenn dies für Sie nicht leistungsgerecht erscheint, sollten Sie besser mit den Verwertungsgesellschaften verhandeln. Das mag jetzt hart klingen, aber dem Pferdekutschen- Unternehmen nutze dies Ende des 19. Jahrhundert auch nicht viel, sich über die Autos zu beschweren…

Ist Ihr Film, also Ihre geistige Schöpfung, so bemerkenswert gut beim Publikum angekommen, ziehen Sie tatsächlich einen Nutzen daraus. Neue Aufträge könnte das für Sie bedeuten. Ihr Marktwert steigt. Die Nachfrage nach Ihren Produkten (Drehbüchern) versetzt Sie in eine bessere Verhandlungsposition.

Übertragen auf das Kaufhaus bedeutet das: Wenn ich die Herrensocke umsonst abgebe, gebe ich nicht nur hundert, sondern vielleicht Hunderttausende Paare unter die Leute. Der kreative Schaffensprozess, der hinter der Socke steht, wird also viel wirkungsvoller eingesetzt, bezogen auf das Gesamtwohl der Konsumenten.

Das Kaufhaus hat es Ihnen angetan und es war Ihre Idee, Ihr Drehbuch mit einer Herrensocke zu vergleichen. Entscheidend für den Kaufhauskunden ist, ob ihm die Socke gefällt und ob er bereit ist, den dafür festgesetzten Preis zu zahlen, vorausgesetzt sie passt. Ich konstatiere jetzt einfach mal, dass der eigentliche Urheber, also der Erfinder der Socke, keinen erwähnenswerten Gewinn aus seinem Prototyp ziehen konnte. Die Nachahmer bis heute in die Gegenwart hingegen konnten mit der Socke als Bekleidungsstück sehr viel Geld verdienen. Gefällt dem Kunden das Muster und die Farbe, kann er sich dies ihm Gedächtnis merken, auf notieren oder gar per Smartphone digital festhalten, um sich davon zuhause ein Duplikat zu häkeln. Diesen Aufwand wird wohl niemand betreiben, wenn das Preis- Leistungsverhältnis in Ordnung ist.

Die von Ihnen beschriebene Marketingstrategie gibt es jedoch wirklich. Tagtäglich werden Konsumenten mit Gratis- Angeboten dazu verleitet, andere Produkte zu kaufen. Der kreative Schaffensprozess spielt zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr und der Schöpfer sollte längst gerecht entlohnt worden sein. Hat er diesen Zeitpunkt verpasst, sind doch nicht die Leute daran schuld, die nun mit kostenlosen Socken geködert werden…

Ich ringe mich zu der vielleicht profanen Frage durch: Wer bezahlt mich dann für meine Arbeit? In meinem Fall ginge diese Frage an den Produzenten meiner Filme: Wer steckt noch viele Millionen Mark in die Produktion eines Spielfilms?

Ich muss es tatsächlich nochmal erwähnen. Sie bekamen doch 15.000 Mark für Ihr Drehbuch. War das zu wenig? Das Internet hat mit diesem Sachverhalt zunächst noch gar nichts zu tun, also tun Sie nicht so, als wäre Ihr damaliges schlechtes Verhandlungsgeschick jetzt nicht mehr relevant. Mit den Produktionskosten von Spielfilmen kenne ich mich weniger aus, muss mich jedoch immer wieder wundern, dass Film- und Fernsehstars durchaus gut entlohnt werden. Wenn die Autoren hierbei schlechter wegkommen, liegt das doch nicht am Fernsehzuschauer oder dem Internet.

Das heißt, dass der Verleger, der meine geistige Schöpfung vermarktet, nach Ansicht der Piratenpartei mehr von einem Urheberrecht profitiert, als ich das tue. Um diese Frage zu klären, bedarf es einer Einsicht in bestehende Vergütungssysteme.

Genau dies ist der Fall. Es gibt Einsichten in bestehende Vergütungssysteme, die die Ansichten der Piratenpartei sogar belegen.

Ich spreche für den Film: Ein Drehbuchautor schreibt ein Drehbuch. Er verkauft es an einen Produzenten, der ein Nutzungsrecht erwirbt. Der Umfang des Nutzungsrechts wird in einem Vertrag geregelt und erfolgt nach streng kapitalistischen Regeln: Das heißt, Marktmacht und -stellung der Marktteilnehmer regeln Umfang der Übertragung und den Preis. Ein erfolgreicher Autor wird einen höheren Preis erzielen als ein weniger erfolgreicher. Er wird vielleicht eine Beteiligung am Einspiel erstreiten oder Rechte bei sich behalten, wie Wiederholungsrechte Neuverfilmungs- oder Buchrechte. Erfolg ist in meiner Branche zuallererst definiert durch Zuschauerzahlen, ein wenig durch Anerkennung (Preise, gute Kritiken). Tatsächlich, da haben die „Piraten“ recht, ist der Markt zurzeit ein Käufermarkt.

Ich bin erstaunt, wogegen richten Sie eigentlich Ihre Kritik? Sie kommen selbst zur Erkenntnis, dass weniger das Urheberrecht den finanziellen Ausgleich schaffen kann als vielmehr der Markt und die Nachfrage.

Die Urheber sind auf dem Rückzug, was die Verteidigung ihrer Rechte angeht.

Und genau deswegen will die Piratenpartei das marode Urheberrecht reformieren. Die digitale Revolution verlangt neue Geschäftsmodelle und Strategien, um die Schöpfer geistigen Eigentums auch zukünftig gerecht entlohnen zu können. Die Verwertungsindustrie hingegen möchte allerdings an ihrem bewährten, jedoch nicht mehr zeitgemäßen Geschäftsmodell festhalten, wodurch jedoch die eigentlichen Urheber die Verlierer sein werden. Sie haben es leider nur noch nicht kapiert…

In der Zwischenzeit fallen Nutzungsrechte ohne Anspruch auf Vergütung an die Verwerter: Die Ausstrahlung in Spartenkanälen, DVD-Auswertung, das Recht an unbekannten Nutzungsarten sind hier zu nennen.

Sie geben sich die Antwort eigentlich selbst. Die Verwerter möchten die eigenen Interessen schützen, die Urheber werden dabei gar nicht berücksichtigt. Selbst an DVD- Rohlingen verdient die Verwertungsindustrie, also im Prinzip sogar an Raubkopien, die darauf gespeichert werden.

Es gibt zu viele Regisseure und Drehbuchautoren auf einem begrenzten Markt, der vor allem abhängig ist von den Geldflüssen der Fernsehanstalten und öffentlichen Fördertöpfen. Denn anders als die Musik- oder Buchbranche ist der Filmmarkt, bis auf den kleinen Bereich Kino, kein offener Markt. Die Rundfunkanstalten und privaten Sender zahlen einen festen Preis für das bestellte Produkt an den Produzenten. Jetzt jubeln die „Piraten“ und sagen: Na, wenn die Sache sowieso schon bezahlt wurde, dann kann man sie doch auch kostenlos ins Internet stellen!

Die Mehrzahl aller Arbeitnehmer muss sich mit einem begrenzten Markt begnügen und auch deren Arbeitgeber können nicht jederzeit die Branche wechseln. Mein Mitleid für Regisseure und Drehbuchautoren hält sich in Grenzen, denn der gesamte Arbeitsmarkt kennt Grenzen.

Aus dem Staatshaushalt wird eine Vielzahl schöpferischer Tätigkeiten finanziert, die als Produkt urheberrechtlich geschützte Werke hervorbringen. Da diese Werke von der Allgemeinheit finanziert werden, sollten sie auch der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung stehen. (Aus dem Parteiprogramm der „Piraten“.)

Eigentlich wird hier über eine Selbstverständlichkeit geredet. So verhält es sich ja auch in meinem persönlichen Fall, den ich anfangs erwähnt habe. Erstelle ich ein Computerprogramm im Auftrag meiner Firma, ist diese Dienstleistung durch mein Monatsgehalt entlohnt worden. Es ist schlimm genug, dass eine Partei überhaupt eine solche Selbstverständlichkeit in ihr Programm schreiben muss und dafür auch noch kritisiert wird.

Tatsächlich findet das schon statt…. Bieten die „Piraten“ einen Ausweg? Sind sie unsere Verbündeten im Kampf gegen eine stärker werdende Marktstellung der Verwerter?

Soweit ist das Konzept von Mediatheken vollkommen in Ordnung, lediglich die Beschränkung der Vorhaltezeit von Filmbeiträgen auf wenige Wochen ergibt keinen Sinn. Es ist unstrittig, dass der Gebührenzahler für audiovisuellen Beitrag bezahlt hat. Weshalb wird dieser dann trotzdem entfernt? Die Piraten werden definitiv zu Verbündeten der Urheber werden, wenn sie es nicht schon sowieso sind. Es wäre allerdings wünschenswert, wenn diese Urheber dann auch nicht ständig gegen die Piratenpartei vorgehen würden. Einen Ausweg aus diesem Dilemma wird man nur gemeinsam finden können.

Verstehe ich das richtig? Der Verwerter ist außen vor. Es geht nur noch um den Ausgleich zwischen meinen Interessen als Urheber und denen der Öffentlichkeit. Und da ich ja bei der Schaffung meines Werkes sowieso überall und bei jedem geklaut habe, ist es nur gerecht, dass mein Werk an die Öffentlichkeit zurückgegeben wird, natürlich ohne Bezahlung. Wer ist denn jetzt der Dieb und wer der Beklaute?

Ja, das verstehen Sie falsch. Die Verwertungsindustrie ist sicher nicht komplett ausgeschlossen, soll aber auch nicht die maßgebliche Instanz bleiben. Nirgendwo in diesem Abschnitt aus dem Piraten- Parteiprogramm gibt es Anhaltspunkte dafür, dass man Urheber mit Dieben vergleicht oder gleich setzt. Hier geht es ausschließlich darum, dass ein Schöpfer geistigen Eigentums, der bereits für seine Leistung entlohnt wurde und dies im Auftrag der Öffentlichkeit bzw. des Steuerzahlers getan hat, dieses Werk auch seinem Auftraggeber dauerhaft zur Verfügung stellt. Worin besteht nun die Ungerechtigkeit, die bei diesem Vorwurf durchklingt?

Langsam steigt die Wut. Ich werde beklaut und muss mich dafür auch noch entschuldigen? Immerhin gibt man mir Gelegenheit, einen kleinen Beitrag zur „Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeit“ zu leisten. Ist das jetzt der pure Zynismus oder nur der dummdreiste Versuch, etwas umsonst zu bekommen, wofür man früher bezahlen musste?

Wo und wie werden Sie beklaut, Herr Stein? Und bei wem sollen Sie sich entschuldigen? Sie schaffen im Auftrag von öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten ein Werk, wofür Sie auf Grundlage eines Vertrages, den Sie selbst ausgehandelt haben, entlohnt werden. Was spricht dagegen, dass der Gebührenzahler, der dafür bezahlt hat, dieses Werk nicht dauerhaft nutzen darf?

Ich muss langsam lernen, dass die virtuelle Welt der „Piraten“ eine andere Welt ist als die, die ich zu kennen glaube. Es ist eine Welt, die von der Netzgemeinde geschaffen wurde und erhalten wird. Zumindest formulieren die „Piraten“ diesen Machtanspruch. Sie geben sich Gesetze in einem transparenten Miteinander von Bedürfnisbefriedigung – und wenn es das Gesetz ist, dass es keine Gesetze gibt. Sie beanspruchen den Besitz dieser Welt wie amerikanische Rinderbarone vor mehr als hundert Jahren die Weite der Prärie. Das ist atemraubende Anarchie. Ich erlaube mir einen letzten, naiven Erklärungsversuch: Wenn die Scheibe zum Warenhaus erst mal eingeschlagen wurde und die Masse der Gemeinde beginnt, Waschmaschinen, Toaster, Haartrockner und Herrensocken heraus zu tragen, hat es einfach keinen Sinn mehr, dieses Loch zu schließen. Vor allem nicht, wenn niemand da ist, der sich darüber aufregt.

Ihre Vorstellungen, Herr Stein, sind völlig abstrus. Ein Bild, einen Text oder einen Film, der ins Netz gestellt wird, kann nicht mehr kontrolliert vermarktet werden. Über dieses Faktum sollte jeder Bescheid wissen, der das Internet benutzt. Wie immer Sie die Netzgemeinde zu definieren versuchen, es wird nicht gelingen. Die Piratenpartei könnte man beinahe als Teilmenge dieser Netzgemeinde bezeichnen, während andere Parteien doch eher mehr oder weniger Schnittmengen darstellen. Gesetze kann man sich und auch sonst niemandem im globalen Internet geben, eine sogenannte Netikette kann sich jeder für seinen Verantwortungsbereich verleihen. Ansonsten existiert der gerne zitierte „rechtsfreie Raum“ im Internet nicht. Es gelten die jeweiligen Gesetze der Staaten, wo die jeweilige Internetpräsenz gehostet wird. Dass sich die Staaten untereinander schwer tun, diese Gesetze durchzusetzen, ist nicht das Verschulden der Netzgemeinde oder gar der Piratenpartei. Dass die Verwertungsindustrie ihre eigenen Ansprüche durchsetzen möchte und dafür die jeweiligen Staaten dazu instrumentalisiert und dies im Bewusstsein unter Hinnahme von Kollateralschäden durchzusetzen versucht, empfinde ich als möglich Betroffener für unverschämt.

Der Warenhausvergleich hinkt erneut. In diesem Fall wäre es eher ein Marktplatz in einer Fußgängerzone mit vielen kostenlosen Attraktionen und auch gewerblichen Angeboten. Das Stopfen von Löschern in einem Fischernetz käme Ihrem Lochvergleich deutlich näher.

Und in dem heißt es dann, dass „Tatort“-Autoren für einen Film 25.000 Euro bekommen. Die Zahl stimmt. Was man aber wissen sollte, ist, dass ein Autor ein halbes Jahr an so einem „Tatort“-Krimi arbeitet. Dass er, wenn er Glück hat, jedes Jahr einen solchen Auftrag bekommt. Und dass er damit rechnen muss, von heute auf morgen nicht mehr gefragt zu sein. Er muss Rücklagen bilden, vielleicht Kinder versorgen, in Krankenkassen einzahlen, Steuern abführen, GEZ-Gebühren entrichten, kurz: Er muss von seiner Arbeit leben.

Es gibt Leute, die das gesamte Jahr mit dieser oder gar einer geringeren Summe trotz Vollzeitbeschäftigung auskommen müssen und ebenfalls eine Familie zu versorgen haben. Dieses Argument ist haltlos. Ebenso gibt es Leute, die als Selbstständige ein erhebliches unternehmerisches Risiko tragen. Dass es Bestrebungen fast aller Parteien gibt, einen Mindestlohn einführen zu wollen, zeigt deutlich, dass es Menschen gibt, die sozial offensichtlich noch einen schlechteren Lebensstandard ertragen müssen.

Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.

Dieses Argument klingt fürwahr abenteuerlich und man darf mir sicher nicht böse sein, wenn ich dies gerne nachgewiesen hätte. Wenn es tatsächlich so sein sollte, lassen sich die Urheber von ihren Verwertern ganz schön abzocken. Tatsache ist nämlich, dass nachweislich Milliarden- Umsätze generiert werden. Es wäre also schon dramatisch, wenn die Urheber derart heftig über den Tisch gezogen werden.

Warum eigentlich hat sich diese neue, junge Partei so auf uns Urheber eingeschossen?

Die Piratenpartei hat sich dem nicht mehr zeitgemäßen Urheberrecht angenommen, nicht auf die Urheber eingeschossen.

Warum soll man nicht Warnhinweise erlauben, die Nutzer auf rechtlich zweifelhafte Internetseiten hinweisen? Wird damit die Netzgemeinde kriminalisiert?

Wo, lieber Herr Stein, möchten Sie diese Warnhinweise anbringen? Wer entscheidet, welche Internetseite gebrandmarkt werden darf? Im Themenspektrum „Kinderpornographie“ wurde anhand der Sperrlisten verschiedener Länder, welche Internetsperren betreiben, festgestellt, dass der Großteil der gesperrten Seiten, eigentlich nichts mit Kinderpornographie zu tun hatten. Die Befürchtung nach Zensur ist faktisch begründet.

In Frankreich hat sich eine solche Praxis bewährt: Wurden im vorigen Jahr in der ersten Stufe noch 700000 Warnungen auf rechtlich bedenkliche Seiten ausgesprochen, waren es in der zweiten Stufe nur noch 20000. Nur hundert illegale Downloads wurden am Ende rechtlich verfolgt.

Auch für diese Behauptungen möchte ich gerne die Nachweise erhalten. Offensichtlich reden Sie vom umstrittenen HaDoPi- Gesetz, welches ebenso erhebliche Kollateralschäden in Kauf nimmt wie die Internetsperren, nur um am Ende einige wenige böse Downloader zu erwischen. Glauben Sie wirklich, dass Sie davon besser bezahlt werden? Denken Sie wirklich, dass Sie sich damit Ihre Existenz als Tatort- Autor sichern können?

Aber die Trojaner, die Facebook, Apple, Amazon wahrscheinlich schon längst in euren Computern installiert haben, sind euch offenbar egal.

Allein meine langjährige Berufspraxis in der IT- Branche befähigt mich dazu, mit dieser Problematik umgehen zu können. Mit Urheberechten und der hier geführten Debatte hat das allerdings wenig zu tun.

Das Netzt bietet da großartige Möglichkeiten. Aber die Entscheidung darüber, ob das unentgeltlich geschieht oder nicht, liegt bei jedem selbst. Mit dieser Freiheit im Netz kann auch ich als Urheber gut leben.

Hier erliegen Sie einem Trugschluss, der technisch begründet ist. Sobald etwas im Netz veröffentlicht wurde, können Sie gar nicht mehr kontrollieren, ob diese Daten vielfach kopiert werden. Den möglichen Aspekt der Illegalität dieses Kopierens darf man nicht unmittelbar mit der technischen Machbarkeit kombinieren. Es ist ein Dilemma für Schöpfer geistigen Eigentums, die sich dem Fortschritt zwangsweise anpassen müssen, anstatt gegen Windmühlen ankämpfen zu wollen. Mit neuen Innovationen muss man diese Windmühlen antreiben, um erfolgreich bestehen zu können. Es gibt etliche erfolgreiche und erfolgversprechende Konzepte, die jedoch immer wieder von der Verwertungsindustrie untergraben werden. Die Urheber haben die begründete Angst, zwischen den Fronten zerrieben zu werden.

Anmerkung: Ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass die Begriffe „Verwerter“, „Verwertungsgesellschaft“ und „Verwertungsindustrie“ verschiedene Bedeutungen besitzen und auch oft falsch verstanden werden. Auch ich muss zugeben, nicht genau spezifiziert zu haben. Während man in Deutschand beispiesweise die GEMA und VG Wort zu den Verwertungsgesellschaften zählen kann, gehören Verlage und Musiklabels nicht unbedingt dazu. Hier kann man unter Umständen von „Verwertern“ sprechen. Alles zusammen wird pauschal als Verwertungsindustrie betitelt. Eine klare Definition oder Unterscheidung scheint es nicht zu geben. Praktisch kann ein Urheber also auch sein eigener Verwerter sein, wenn er seine Produkte selbst vermarktet.  

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