Wenn Journalisten sich selbst überschätzen…

…kann das heftige Folgen für diejenigen haben, welche ein solcher Vertreter der schreibenden Zunft ins Visier seiner Berichterstattung genommen hat.

Am 30. März 2012, unmittelbar nach der Landtagswahl im Saarland, welche recht erfolgreich für die Piratenpartei verlief, machte sich ein Redakteur des Magazins Cicero auf digitale Spurensuche.  Vor Veröffentlichung des Artikels setzte er der Landesvorsitzenden der Piratenpartei Saarland, Jasmin Maurer, noch ein Ultimatum,  zu diversen Rechercheergebnissen Stellung zu nehmen.

Datum: Thu, 29 Mar 2012 17:14:42 +0000
Betreff: Stellungnahme
Liebe Frau Maurer,
nach dem derzeitigen Stand der Recherche gehen wir davon aus, dass sie auf der
Plattform spin.de unter den Pseudonymen DarkAngel89, SatansBraut89 und hermine89
folgende Einträge verfasst haben. Wir werden uns mit den Zitaten kritisch
auseinandersetzen und möchten Ihnen bis morgen um 12h die Gelegenheit zur
Stellungnahme bieten.

Sowohl in einer Email als auch in einem Telefonat (innerhalb der Solbach’chen Fristsetzung) konnte ich Herrn Solbach nicht von seiner Dummheit abhalten, einen derart desolat recherchierten Artikel zu veröffentlichen.

Datum: Fri, 30 Mar 2012 11:56:02 +0000
 
Betreff: Ihre Recherche bezüglich Jasmin Maurer
Guten Tag Herr Solbach,
 
die Piratenpartei Saarland distanziert sich generell von privaten Aussagen in Foren und Blogs ihrer Mitglieder, insbesondere, wenn diese nicht der offiziellen Parteiposition entsprechen oder zumindest missverständlich interpretiert werden könnten. Die Positionen der Piratenpartei zu Rassismus oder Rechtsextremismus können Sie auf unseren Websites in Erfahrung bringen... 
...Was unsere Parteimitglieder in ihrer Freizeit unternehmen, geht uns nichts an. Diese sind für ihr Handeln selbst verantwortlich. 
Außerdem muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr derzeitiger Recherchestand bedauerlicherweise falsch ist. Der dort von Ihnen aufgespürte User „DarkAngel89“ ist nicht Jasmin Maurer. Frau Maurer nutzt diese Online- Plattform „spin.de“ nicht und war dort nie angemeldet. Die beiden anderen Accounts „SatansBraut89“ und „hermine89“ sind nicht einmal existent und sind auch sonst nicht Frau Maurer zuzuordnen. Ein Bildervergleich offenbart Ihren Trugschluss. (Im Anhang die Profilbilder von DarkAngel89)
 
Betrachten Sie dieses Schreiben als die von Ihnen verlangte Stellungnahme. Ein kritischer Umgang mit den Zitaten dieser jungen Frau aus Friedrichsthal, die Sie mit Frau Maurer verwechselten, ist trotzdem zu begrüßen. Ich möchte Ihnen bis morgen um 12h00 Gelegenheit geben, zu Ihrer fragwürdigen Recherche im Bezug auf Frau Maurer, Stellung zu nehmen.

Aufgrund seines Artikels wurden in der Folge zwei junge Frauen sehr heftig in der Öffentlichkeit diskreditiert. Wie ich finde, ein trauriges Kapitel für den Journalismus…

Auf seiner Abschussliste stand offensichtlich die frisch gebackene Landtagsabgeordnete Jasmin Maurer von der Piratenpartei Saarland. Im Internet schnüffelte Herr Solbach nach ihrer Vergangenheit und fand für seine Verhältnisse brisante Dinge heraus.

Als Teenager startete die damals 16 jährige Jasmin Maurer ihre ersten Versuche, eine eigene Internetpräsenz zu erstellen und suchte Rat in einem Forum.

jasmin_board_galaxy

Das ist weder ungewöhlich noch verwerflich und entspricht dem allgemeinen Lebensstil von Jugendlichen. Über das Ergebnis darf man durchaus geteilter Meinung sein, sollte aber nicht zum Anlass genommen werden, die spätere politische Laufbahn von Jasmin Maurer in Frage zu stellen.

Anstatt Tiere zu quälen oder dem Komasaufen zu frönen, hat sich die junge Jasmin Maurer für das Erstellen einer eigenen Internetpräsenz interessiert, durchaus eine typische Beschäftigung von Jugendlichen. Das nicht sonderlich ungewöhnliche Pseudonym Satansbraut89, welches Jasmin damals verwendete, sollte nun zwei jungen Frauen zum Verhängnis werden.

Seine Recherche begann Solbach offenbar im Piraten- Wiki, wo er auf das Profil von Jasmin Maurer aufmerksam wurde oder sogar speziell danach gesucht hat. Eine, noch bis vor kurzen dort sichtbare, ICQ- Nummer führte ihn zu Jasmins Homepage aus Teenager- Zeiten. (Jasmin Maurer löschte diese ICQ- Nummer aus dem Profil, da im Wahlkampf einige Leute darüber Kontakt mit ihr aufnehmen wollten, sie aber diesen Kommunikationskanal nicht mehr nutzte. So wollte sie lediglich verhindern, dass Anfragen nicht unbeantwortet blieben, weil sie ins Leere laufen würden.)  Jedoch begang er einen fatalen Fehler, indem er fortan seine Recherche auf dem Namen Satansbraut89 aufbaute. Der faktische Zusammenhang war damit abgerissen.

Auf der Online-Plattform www.spin.de stieß er scheinbar erneut auf diesen Account. Die andere Schreibweise (SatansBraut89) störte ihn ebenso wenig wie die Tatsache, dass solche Namen auf verschiedenen Online- Plattformen von völlig anderen Personen wieder verwendet werden. Die junge Frau, die nun dieses Profil besitzt, kommt zufällig auch aus dem Saarland, heißt Jasmine und ist ausgerechnet auch noch im gleichen Alter.

Diese Jasmine besitzt noch weitere Pseudonyme wie beispielsweise DarkAngel89. Nach eigenen Angaben wohnt sie in Friedrichsthal, während die Piraten- Jasmin in Lautzkirchen bei Blieskastel lebt. All diese Unterschiede interessieren Herrn Solbach offensichtlich nicht, denn nur das Ergebnis zählt. Die junge Frau diskutiert mit anderen über ihre Vorlieben bei Männern und Soldaten im Irakkrieg. Es geht unter anderen auch darum, dass man diesen Krieg für unsinnig hält und Lebensgefährtinnen von Soldaten in einem gefährlichen Auslandseinsatz gute Nerven besitzen müssen. Im Grunde wäre es eine ziemlich belanglose Diskussion, sofern nicht ausgerechnet eine Politikerin der Piratenpartei daran teilnehmen würde. Das ist zwar nicht der Fall, aber Solbach will oder kann es nicht erkennen…

Im Grunde wäre der Sachverhalt völlig banal und lässt sich im Internet tausendfach in ähnlicher Form finden. Jedoch hat dieser Artikel im Cicero nun beide junge Frauen stark strapaziert. Die Piraten- Jasmin muss als Politikerin seither um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen, denn die falschen Anschuldigungen haben sich längst verbreitet. Der Cicero weigert sich hartnäckig, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, weil die Redaktion immer noch ihrem eigenen Rechercheergebnis vertraut. Die andere Jasmine aus Friedrichsthal kam durch diese Story zu fragwürdiger Berühmtheit und hat nun am eigenen Leib erfahren müssen, dass das Internet gefährliche Fallen für Menschen bereit hält, die leichtfertig mit ihren Daten umgehen.

Jasmin Maurer

Jasmin Maurer

Nachdem sich die Piratenpartei vehement für eine Richtigstellung der Tatsachen eingesetzt hatte und sich mit der anderen Jasmine in Verbindung setzen konnte, war das Magazin Cicero endlich dazu zu bewegen, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen. Erst eine eidesstattliche Erklärung von Jasmine konnte Cicero zur Einsicht zwingen:

„In einer früheren Fassung des Textes befand sich eine Passage, die Verbindungen zwischen den Nicknames Satansbraut89 und SatansBraut89 herstellt. Der Nickname existierte im gesamten von Google erfassten Netz in dieser unterschiedlichen Kapitalisierung zwei Mal; beide Personen kommen aus der gleichen Region des Saarlandes, tragen nahezu den gleichen Vornamen, wurden im gleichen Jahr geboren und sehen sich ähnlich. Die in diesem Zusammenhang verbreiteten Zitate der Nutzerin SatansBraut89 stammten jedoch nicht von Jasmin Maurer. Die tatsächliche Nutzerin des Nicknames SatansBraut89 hat uns dies eidesstattlich versichert. Wir entschuldigen uns bei den Betroffenen für diese Verwechslung.“

http://www.cicero.de/berliner-republik/jasmin-maurer-piraten-saarland-verhaengnisvolle-spuren-im-netz/48803?seite=3

Zudem wurden einige diskreditierende Passagen inzwischen gelöscht. Dennoch wirkt die Reaktion des Cicero immer noch kindisch trotzig:

Der Nickname existierte im gesamten von Google erfassten Netz in dieser unterschiedlichen Kapitalisierung zwei Mal…

Das stimmt in dieser Form nicht. Beide Namen fanden sich auch bereits vor dieser schmierigen Inszenierung unter diversen Google- „Treffern“, die sogar noch zu völlig andere Personen führten.

…beide Personen kommen aus der gleichen Region des Saarlandes…

Auch diese Rechtfertigung ist so nicht haltbar. Im Bezug auf die gesamte Größe des Saarlandes ist die Entfernung zwischen Lautzkirchen und Friedrichsthal nicht unerheblich. Es dürften etwa 20 Kilometer sein. Bei einem Gesamtdurchmesser des Saarlandes von stellenweise  70 km darf man diese Aussage in Frage stellen.  

…tragen nahezu den gleichen Vornamen…

Das ist ja ulkig. Dies würde beinahe implizieren, dass alle Menschen mit einem identischen Vornamen quasi ständig miteinander verwechselt würden. Da muss man ja richtig froh sein, dass unsere Behörden mit Namen offensichtlich weniger Probleme besitzen als die Redaktion eines Magazins.

…und sehen sich ähnlich

Aus dem Auge des jeweiligen Betrachters mag das wohl als Ausrede gelten dürfen. An seriösen Journalismus stelle ich höhere Ansprüche… 

Ich möchte allen Beteiligten der SG- Presse und der AG- Recht für ihren Einsatz danken. Auch Jasmine möchte ich für ihre Mitwirkung danken, denn nur so konnte weiteres Ungemach verhindert werden. Man muss die Piratenpartei nicht mögen und man darf gerne konstruktive Kritik am Politikstil der Piratenpartei üben, aber ein Mindestmaß an Fairness sollte eingehalten werden.

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8 Antworten to “Wenn Journalisten sich selbst überschätzen…”

  1. frosch03 Says:

    Oach naja, ich würd das jetzt nicht so dramatisch sehen. Die Verwechselung ist durchaus veständlich.
    Ich find’s umso besser, dass die Geschichte direkt nach der Wahl hochkam, diskutiert wurde, und sich jetzt in Luft auflöst.

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    • forenwanderer Says:

      Nun ja, wenn man dem Journalisten am Telefon erklärt, dass Friedrichsthal und Blieskastel keine Nachbarorte sind und er definitiv zwei junge Frauen miteinander verwechselt, sollte man vor Veröffentlichung des Artikels zumindest die Rechercheergebnisse nochmals verifizieren. Das habe ich sogar angeboten, aber er wollte nicht hören…

      Und nein, es ist durchaus schlimm, wenn durch solch einen Mist, Jasmin beleidigende Anrufe erhält. Hier wurde definitiv wieder eine Grenze überschritten.

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  2. Karl Says:

    Hier ist echt was los in der Bude. Ladet alle Freundinnen und Freunde ein: https://www.facebook.com/events/126828547447147/

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  3. Gilbert Kallenborn Says:

    Ein Zeichen daß die Piraten noch Politk lernen müssen.

    Hier gebt ihr „Cicero“ selber eine Plattform,die sonst nicht da wäre.

    Wenn „Cicero“ Scheisse gebaut hat,sprich Pressegesetz verletzt-

    ab dafür ,verklagen,Und Ruhe ist.
    Jetzt habt ihr die „Santansbraut“ durchs Web gestreut -nicht Cicero.
    Na und-würde ein junger Wähler sagen.Was solls..die benutzen
    selber obskure Namen.Aber die Alteren schreckt das ab -und die wollt und braucht ihr auch.
    Was ist schon eine angebliche Satansbraut gegen einen
    tatsächlichen Bankräuber?Myself,DER SPIEGEL Heft 15/95.

    Ich dachte-weiss doch eh jeder,hier die Locals.War ein Irrtum.
    Politische Heckenschützen der Linken griffen es auf und machen
    Negativ-Wahlkmapf damit,eine Sache -vor 30 Jahren!

    Das schlimme: die Scheissaktion wirkte.So what.I like Jasmin.
    Und euch viel Erfolg für die Zukunft.

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  4. Sebastian F. Klaus Says:

    Etwas besseres konnte einer Frau Maurer und ihrem Verein doch gar nicht passieren.

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  5. BOWMORE Darkest Says:

    Dieses offenkundige Fehlverhalten darf nicht akzeptiert werden. Weder von den betroffenen Personen, noch von einer Partei, die gerade in den Landtag gewählt wurde. Wer für ein Medium, gleich ob Tages- oder Wochenzeitung oder Zeitschrift oder Internetpresse, schreibt, muss die für alle gültigen Standards einhalten. Solchen Schmierfinken muss der Spiegel mit ihrer geistigen Fratze hingehalten werden und nicht zuletzt müssen diese Leute aussortiet werden.
    C.H.

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  6. N1ck Says:

    Nach dem was ich zu Piraten bzgl. Journalismus erlebt hab ist mein vorher schon schlechtes Bild von Journalisten nochmal erheblich schlechter geworden.
    Und das was sich da der Cicero erlaubt hat ist wirklich völlig widerwärtig. Dafür hab ich gar keine Worte die es auch nur ansatzweise in angemessener Sprache beschreiben würden.
    Im Gegensatz zu dem Amateur Journalismus der da an den Tag gelegt wird sind Piraten geradezu Profis !

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  7. tinyentropy Says:

    das ist wirklich eine peinliche posse des ciceros.

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