Die gefälschte Wahrheit

Dass TV- Formate wie „Bauer sucht Frau“ oder „X- Factor“ kaum noch jemandem einen Realitätsbezug vermitteln können, hat sich selbst unter den hartnäckigsten Fans herumgesprochen. Bewusst lassen sich die Akteure auf die Abänderung der eigenen Wahrnehmung ein und die Zuschauer nehmen es wohlwissend zur Kenntnis.

Wie aber sieht es aus, wenn angeblich seriöse Magazinsendungen und deren Redaktionen sich gleichermaßen die Realität zurecht biegen? Darf eine Sendung, insbesondere wenn sie staatlich finanziert wird, also den öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten angehört, Wahrheiten manipulieren?

Das TV- Magazin Report Mainz vom Südwestfunk vertritt folgendes Selbstverständnis auf der eigenen Internetpräsenz:

Wir decken für unsere Zuschauer Missstände und Fehlentwicklungen auf – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir zeigen die Wahrheit dahinter und nennen die Verantwortlichen beim Namen. Wir stoßen Debatten an und wollen Veränderungen bewirken.

Wir sind ein Team, das kritisch, mutig und engagiert recherchiert, seine Informanten schützt und jeden Tag neugierig ist. Uns ist wichtig, sorgfältig zu berichten und einen langen Atem zu haben.

Wir sind unvoreingenommen, unabhängig und unberechenbar. Wir wollen schwierige Sachverhalte für jeden verständlich darstellen.

Anhand der kürzlichen Berichterstattung über den Landesparteitag der Piratenpartei Saarland möchte ich diesen Selbstanspruch analysieren…

Report Mainz Logo
Quelle: http://www.endstation-rechts.de

Zum Landesparteitag der Saarpiraten am 30.10.2011 kündigte sich Achim Reinhardt mit einem Team vom SWR wie andere Medienvertreter auch zur Berichterstattung an. Das sah dann im einer Email so aus:

Sehr geehrter Herr *****,

ich interessiere mich für den anstehenden Landesparteitag
der Piraten im Saarland und möchte ggf. für den SWR dort mit einem
Kamerateam für eine Reportage drehen.

Könnten Sie mir dazu nähere Informationen schicken(Programm, TOP etc.)? Außerdem würde mich interessieren, ob eventuell Mitglieder des Bundesvorstands anwesend sind und eine Rede halten. Sind weitere Parteimitglieder vor Ort, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind (z.B. Berliner Abgeordnete der Piraten)?

Über eine Rückmeldung würde ich mich freuen. Sie erreichen mich telefonisch unter **** oder mobil unter ****.

Mit freundlichen Grüßen

Achim Reinhardt

(Davon gibts auch eine Sprachdatei als Anrufbeantworternachricht, die diesen Inhalt bestätigt)

Die Berichterstattung vom saarländischen Parteitag sah dann folgendermaßen aus:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=NGIDqKWVAHk?hl=de&fs=1]

Quelle: http://www.swr.de/report/-/id=233454/did=8816394/pv=video/nid=233454/d4brot/index.html

Knapp die erste Minute des sieben minütigen Filmbeitrags befasst sich tatsächlich, zumindest optisch, mit dem Landesparteitag der Saarpiraten. Offensichtlich brauchte man lediglich aktuelles Filmmaterial über die Piratenpartei, denn inhaltlich gibt es wenig Informatives vom Landesparteitag der Saarpiraten, weshalb sich das SWR- Team eigentlich ursprünglich angekündigt hatte. Der Rest des Beitrags befasst sich dann ausschließlich mit dem umstrittenen Ex- SPD Abgeordneten und temporären Piratenpartei- Mitglied Jörg Tauss. Dass man eine Reportage über das merkwürdige Verhältnis der Piratenpartei zum wegen Besitzes von Kinderpornografie vorbestraften Tauss drehen wollte, hatte man komplett verschwiegen. Dass das Team um Achim Reinhardt vom TV Magazin Report Mainz war, welches zwar zum Südwestfunk gehört, wurde ebenfalls verschwiegen. All das ist gar nicht so schlimm, nur der letzte Funken Anstatt hätte es eigentlich Herrn Reinhardt abverlangen müssen, seine wahren Beweggründe und seine eigentliche Identität Preis zu geben.

In den folgenden Interviews mit den frisch gewählten Parteivorsitzenden wurden dann tatsächlich Fragen nach der Mitgliederentwicklung und der zukünftigen Ausrichtung des Landesverbandes gestellt. Unverhofft, für die Befragten etwas irritierend, streute Herr Reinhardt plötzlich eine Frage zu Jörg Tauss ins Interview ein.

Eingeleitet mit den Worten des Sprechers im Filmbeitrag „Auch beim Landesparteitag in Saarbrücken ist Tauss ein Thema. Führende Piraten stellen sich absolut hinter ihn“ (ab Minute 3:18) werden dann die Interviews mit der Landesvorsitzenden Jasmin Maurer und ihrem Stellvertreter Thomas Brück abgespult. Völlig an den Haaren herbeigezogen ist diese Darstellung, denn über Jörg Tauss wurde bis dahin kein Wort verloren. Erst Herr Reinhardt lenkte in seinen Interviews auf die Tauss- Problematik hin, die übrigens im Landesverband Saarland völlig ohne Relevanz ist.

Ganz im Sinne des Gleichheitsgrundsatzes antworteten dann auch die interviewten Piratenvertreter. Meinungsfreiheit zählt schließlich ebenfalls zu den piratigen Grundsätzen und daher waren die Aussagen auch lediglich persönliche Meinungen und keineswegs Forderungen. Speziell die Antwort des 2. Vorsitzenden der Saarpiraten suggeriert dem Zuschauer, dass er uneingeschränkt den Wiedereintritt von Jörg Tauss befürworten würde. Geschickt wurde, für den Zuschauer nicht nachvollziehbar, diese Passage aus dem Kontext herausgelöst. Denn zunächst hatte er  grundsätzlich, wie zuvor auch Jasmin Maurer, auf eine zweite Chance für alle Menschen plädiert, die in der Vergangenheit einen Fehler begangen hatten. Ohne Wertung über Schwere und Brisanz der begangenen Tat, gewährt unser Rechts- und Sozialstaat Resozialisierung und Rehabilitation. Gleiches sollte also auch einem Herrn Tauss widerfahren dürfen. Es wurde auch explizit darauf hingewiesen, dass man die Zusammenhänge um die Verweigerung eines Parteieintritts von Jörg Tauss durch den Kreisverband Bezirksverband Karlsruhe nicht kennt und sich daher auch nicht in diese Angelegenheiten einmischen würde. Ursprünglich hatte der stellvertretende Vorsitzende diese Problematik an ehemaligen NPD- Mitgliedern aufzeigen wollen, die sich von ihrer rechtsextremen Vergangenheit abgewendet hatten. Auch sprach er andere Politiker wie Otto Graf Lambsdorff an, welcher trotz rechtskräftiger Verurteilung wegen Steuerhinterziehung immerhin noch FDP- Parteichef werden durfte. Doch das Report Mainz Team war ausschließlich an Antworten zur Personalie Tauss interessiert und wie man damit den Filmbeitrag entstellen kann.

Die ursprüngliche Berichterstattung vom Landesparteitag der Saarpiraten wurde quasi völlig auf das Thema Jörg Tauss reduziert.

Sogar handwerklich unverzeihliche Fehler, die einem Journalisten nicht passieren dürfen, finden sich im Filmbeitrag. Zum Beispiel diese Textpassage gibt die Tatsachen völlig falsch wider:

…er wechselt zu den Piraten. Die nehmen ihn trotz der Vorwürfe gerne auf, denn der prominente Politiker verschafft ihnen Aufmerksamkeit. Tauss wird Gallionsfigur der damals unbekannten Partei.

Die Piratenpartei nahm den aus der SPD ausgetretenen Tauss wegen der geltenden Unschuldsvermutung in die Partei auf. Es bestand zum Zeitpunkt des Eintritts von Jörg Tauss kein Grund, die Aufnahme zu verwehren. Ganz im Gegenteil, die Piratenpartei hat sich im Sinne der Menschenwürde völlig korrekt verhalten und sich nicht an der Hetzkampagne beteiligt. Auch wurde bereits zu Beginn seiner Mitgliedschaft vereinbart, dass im Falle eines Schuldspruchs, Herr Tauss wieder die Partei verlassen müsse. All dies ist so geschehen. Zur Gallionsfigur wurde Herr Tauss ausschließlich von den Medien hoch stilisiert.

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12 Antworten to “Die gefälschte Wahrheit”

  1. Mensch, Marina (@Energisch_) Says:

    Würde mir hier keine großen Sorgen machen. Andere Parteien haben auch ihre Problemzonen mit (Ex)Mitgliedern, egal welcher Hintergrund (CDU u. Kohl, SPD u. Sarrazin, CSU u. Stoiber, Grüne u. Fischer… hier nur einige, da gibts ne Menge mehr. Korruption, falsche Aussagen, Machtmissbrauch, Rassismus Gewalt…) Aber für Tauss selbst wäre vielleicht angebracht, Gerechtigkeit bei der Justiz einzufordern, die ihn entweder über den Tisch gezogen hat, oder zu Recht verurteilt hat?
    Und was (Ex)Nazi’s angeht, auch hier haben fast alle Parteien in ihren eigenen Reihen zu kehren. Transparenz ist trotzdem wichtig. Wir Wähler wählen nicht nur die Partei, wir wollen die Menschen dahinter kennen, wir wollen wissen, wer uns vertritt.

    Zum Umgang mit Medien: ist halt so, dass Skandale sich besser verkaufen als Berichterstattung, besonders wenn’s um Skandale von (zukünftigen) Oppositionsparteien gibt. Speziell im öffentlich rechtlichen Fernsehen. Das war nicht immer so. Das könnte wieder besser werden, dazu brauchts aber eine Leitung, die nicht nur nach Regierungsparteivorgaben u. Einschaltquotenwirkung publiziert.

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  2. Jan Says:

    Jetzt weiß ich wenigstens was für eine hitzige Diskussion bei uns in der Partei geführt wurde, davon hatte ich zuvor gar nix mitbekommen. Die Medien müssen noch lernen das ein Shitstorm auf Twitter halt nur ein Shitstorm auf Twitter ist, was uns momentan angreifbar macht, da jeder Shitstorm auf Twitter als heftige parteiinterne Diskussion ausgelegt wird.

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  3. Marc Says:

    Ähnlich war es beim Landesparteitag in Rheinland-Pfalz. Große Medienpräsenz. Mehrere Interviews mit Piraten. Was am Ende raus kam: sinnentstellte Einzelphrasen zu einer Collage über Rechtsradikale in der Piratenpartei zusammengebastelt. Lächerlich ist sowas. Es stellt uns alle in Ecken wo 99,9% von uns nie waren und auch nie sein werden. Dass es unter 17.000 Piraten auch schwarze Schafe gibt ist absolut klar. Damit kann man erwachsen umgehen oder man kann es primitiv hochdramatisieren. Letzteres geschieht wohl gerade.

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  4. mustard Says:

    Was ist denn jetzt genau die Kritik an den Journalisten? Dass sie vorher nicht ein Drehbuch mit der Partei abgesprochen haben? Das sie Fragen zu Themen stellen, die zuletzt die Debatte dominiert haben? Das man keinen rosaroten Werbefilm über die Piraten gedreht hat?

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    • René S. (@utzer) Says:

      Wann und wo hat den Tauss den Debatte dominiert? Für mich kam da mal kurz was in der Zeitung und Tauss hat bei Twitter rum gejammert und einen wirklich sehr kleinen Shitstorm dafür geerntet.

      Halten wir also fest, die Journalisten haben ein Thema in den Vordergrund gestellt das auf dem LPT kein Thema war und das auch bei anderen Piraten Landesverbänden kein Thema war, außer vielleicht in BW oder in Karlsruhe selber wo ihm die Mitgliedschaft verwehrt wurde.

      Also wo genau hat dieses Thema was dominiert? In einem Bericht auf dem SWR in der Sendung Report Mainz.

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  5. Gloria Says:

    Ja, man muss sich nicht anstand(!)shalber mit dem genauen Konzept der Sendung vorstellen, das finde ich auch @mustard. Für mich sieht der Report dennoch eher konstruiert aus, weil man aus jedem Menschen, der nicht die Erbsenhirn-Wonderbras mit den großen bunten Buchstaben benutzt, ein Statement wie „Ist ein schwieriges Thema, aber im Prinzip hat jeder eine zweite Chance verdient“ herausbekommt. Da kann man natürlich schreien „WAS, sie fordern nicht die Todesstrafe? Skandal!!“ (Prinzip Shitstorm😉 ), aber solche Skandälchen halten dann einem zweiten Blick auch nicht stand.
    Das einzige, was ich wirklich für eine Lüge halte, war, dass Tauss „gerne“ aufgenommen wurde (es gab damals genügend Zitate von Piraten, dass die Unschuldsvermutung ausschlaggebend gewesen war) und eine „Gallionsfigur“ abgegeben hätte. Eine Gallionsfigur schafft es in aller Regel auf Wahlplakate und in Wahlabend-Interviews. Keins von beiden war der Fall. Report Mainz sollte diese, wenn auch nur leicht suggestive, Schiene nicht weiterfahren, wenn der SWR sein Gesicht nicht verlieren will. Die Piraten werden, wie auch immer die Chose ausgeht, das so souverän wie bisher händeln … habe da Vertrauen.

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  6. Axel Says:

    mustard hat anscheinend
    [ ] den Text gelesen und verstanden
    [x] den Text nicht gelesen.

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  7. news Says:

    nein, es sollte eine Berichterstattung über einen Landesparteitag sein und eben keine über einzelne (ex)Mitglieder.

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  8. Fussfall Says:

    *Klugscheißer-Mod* es war der Vorstand vom Bezirksverband Karlsruhe, es gibt keinen KV Karlsruhe😉. Nach dem Shitstorm bestehe ich darauf😉

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  9. Felix Says:

    ganz genau verstehe ich das Problem nicht. Ist es jetzt gemein und fies, dass die Journalisten sich nicht im Vorfeld mit der Parteitagsregie abgesprochen haben, über was genau und mit welchem Tenor sie berichten? Ist es fies und gemein, dass am Ende keine Hofberichterstattung gesendet wurde? Ist es fies und gemein dass Journalisten eher über Probleme als über einen (von der Tagesordnung her) ziemlich langweiligen Parteitag berichten?
    Und mal ehrlich: Wie naiv muss man sein, wenn man eine übliche Berichterstattung eines Teams des Südwestfunks erwartet, dessen Sendegebiet das Saarland überhaupt nicht umfasst?
    Am besten sollten dann auch investigative Journalisten in Zukunft immer erst um Erlaubnis fragen, ob eine kritische Berichterstattung im Sinne der Partei ist?
    Sorry, aber dahinter verbirgt sich schon ein etwas merkwürdiges Verhältnis gegenüber der Öffentlichkeit. Wenn ihr nicht möchtet, dass kritisch über den Parteitag berichtet wird, macht ihn halt nicht-öffentlich.

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    • forenwanderer Says:

      Wenn ihr nicht möchtet, dass kritisch über den Parteitag berichtet wird…

      Doch gerne, aber eben über den Parteitag, weswegen sich das TV- Team akkreditiert hatte. Die stellen aber den Sachverhalt so dar, als wäre Tauss das bestimmende Thema gewesen. Nur sie selbst haben den Fall Tauss thematisiert, sonst niemand. Das wäre ja so, als ginge ein Fussballfan in die Kirche, um vom Pfarrer die Spielergebnisse erfahren zu wollen. Der Pfarrer könnte ihm womöglich auch dazu etwas sagen, wenn er ein gewisses Interesse an dieser Sportart zeigt, doch wäre es verwunderlich für ihn, dass der Fussballfan nur deswegen in die Kirche käme und nebenbei feststellen würde, dass dort eine Menge Holzbänke rumstehen.

      …investigative Journalisten…


      Der Veröffentlichung geht dabei eine langwierige, genaue und umfassende Recherche voraus.

      So steht es in der Wikipedia. Langwierig mag die Recherche gewesen sein, aber keineswegs genau und umfassend. Somit fehlen 2 von 3 elementaren Eigenschaften im Bezug auf den Fall Tauss und Report Mainz. Wenn dieser Journalisumus dann auch noch den Anspruch der Ehrlichkeit erfüllen möchte, darf man entscheidende Passagen nicht einfach weglassen. Das ist aber hier geschehen. Ich habe sogar die verantwortliche Redaktion gebeten, doch bitte die Wahrheit ans Licht zu bringen, indem sie das ungeschnittene Material zur Verfügung stellen, doch dies nwollen sie nicht. Nun darf man sich selbst seine Gedanken arüber machen, warum Report Mainz so massiv verhindern will…

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