Wenn Kinderschutzorganisationen Täterschutz verlangen!

Seit 2009 die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen der Kinderpornografie mit virtuellen Stoppschildern den Kampf ansagte, ließen sich Politiker und Medienvertreter bis heute nur schwer davon überzeugen, dass die damalige Propaganda für Internetsperren reiner Populismus darstellte und lediglich als Wahlkampfthema zu gebrauchen war. Längst mussten sich selbst die Hardliner von CDU/CSU der erdrückenden Faktenlage geschlagen geben, die die Netzsperren als untauglich für das eigentliche Vorhaben, der Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet, entlarvten und darüberhinaus die komplette Argumentationslinie von Ursula von der Leyen, seither auch als Zensursula betitelt, und Jörg Ziercke, Präsident des BKA, als Kartenhaus aus Lügen und Spekulationen zusammenbrechen ließ.

Inzwischen ist erwiesen und selbst vom BKA leidvoll bestätigt worden, dass die Löschstrategie, die von IT- Experten von je her als einzig sinnvolle Maßnahme vorgeschlagen wurde, außerordentlich erfolgreich praktiziert wird. Lediglich die Zeit, die in wenigen Fällen für die Löschung der kinderpornografischen Internetinhalten benötigt wird, erscheint verbesserungswürdig. Ungeachtet dessen, kommen von Seiten der damaligen Sperrgesetz- Befürworter erneut Forderungen, Netzsperren trotzdem einsetzen zu müssen, um diese Seiten unzugänglich zu machen, bis endgültig gelöscht werden kann. Ausgerechnet Kinderschutzorganisationen wie Innocence in Danger und die Deutsche Kinderhilfe wollen die Placebo- Maßnahme nicht begraben wissen, wenngleich dies erst kürzlich von der Regierung nach einjähriger Evaluierungsphase nun einsichtig beschlossen wurde.

Julia von Weiler - Quelle: www.rtlgroup.com

Julia von Weiler - Quelle: http://www.rtlgroup.com

Julia Freifrau von und zu Weiler, Geschäftsführerin der deutschen Sektion von Innocence in Danger e.V. unterstützt die Forderung der Präsidentin dieser Kinderschutzorganisation, Stephanie zu Guttenberg, nach der Strategie „Sperren bis Löschen„. Mit ihr habe ich mich per Email ausgetauscht, um in Erfahrung zu bringen, weshalb ausgerechnet Kinderschutzorganisationen immer noch die untaugliche Sperrinfrastruktur so sehnlich herbei wünschen.  

Seiten mit erwiesenermaßen kriminellem Inhalt bleiben somit bis zu ihrer Löschung weiterhin für jedermann frei zugänglich.
 
Diese Einschätzung von Stephanie zu Guttenberg aus ihrer Pressemitteilung ist natürlich und nachweislich völlig absurd. Wenn man „jedermann“ fälschlicherweise mit denjenigen Leuten definiert, die ohnehin zuvor auf solche Inhalte Zugriff hatten, könnte man der Aussage noch teilweise zustimmen. „Frei zugänglich“ suggeriert, das jeder beliebige Internetnutzer problemlos solche kriminellen Seiten findet und besuchen könnte. Auch dies entspricht keineswegs der Realität. Hier wird in geschlossenen Zirkeln mit vielerei Schutzmechanismen operiert, um möglichst nicht entdeckt zu werden. Frau von Weiler vertritt hierzu folgenden Standpunkt:

Dass neben Websites auch andere Netzwerke, File- Sharing etc. existieren würden, gesteht sie durchaus ein. Da es jedoch keine offiziellen Studien mit genauen Zahlen über Seiten im WWW gibt, behandeln IWF und INHOPE lediglich ein Hellfeld. Dem gegenüber muss ein Dunkelfeld existieren, welches in jeder Richtung spekulativ zu betrachten sei. Eine wirkliche Untersuchung sei schließlich nicht möglich.

Sie räumt also durchaus ein, dass Kinderpornografie gar nicht hauptsächlich über Webseiten verbreitet wird. Etwas unfähr empfinde ich hierbei die Aufforderung, eine Studie zu benennen, die die genaue Zahl von kinderpornografischen Webseiten bennenen soll. Ausgerechnet die Befürworter von Internetsperren, die sich immer wieder erfundenen und manipulierten Zahlen und Studien im Bezug auf Kinderpornografie bedient haben, möchten nun von der Gegenseite eine Studie erhalten. Diese gibt es nicht, weil das gar nicht möglich ist. Natürlich können IWF sowie INHOPE nur Erfolge von auffällig gewordenen Seiten verzeichnen, die Dunkelziffer rückt in spekulative Bereiche. Dass selbstverständlich auch Internetsperren keine Möglichkeit besitzen, dieses Dunkelfeld zu beeinflussen, sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben. Man kann und darf diesen Umstand somit auch nicht als Argument für Internetsperren heranziehen.

Das Ergebnis, dass 32% der Seiten selbst nach einer Woche noch online sind, ist ein Drama für die Opfer angesichts der Tatsache, dass eine einzelne Website mitunter bis zu 12.000 mal pro Woche angeklickt wird.

 

Stephanie zu Guttenberg offeriert erneut mit Zahlenmaterial, welches sie entweder falsch interpretiert oder gar nicht nachweisen kann. Dies wollte ich von Julia von Weiler genauer wissen:

Laut Frau von Weiler stammen die 32% aus dem BKA- Bericht, welcher von vielen als Erfolg gewertet wird, indem man mit der entgegengesetzten 68% igen Erfolgsquote argumentieren würde. In der Schlussfolgerung blieben jedoch 32% online. 

Am 22.08.2008 berichteten die Medien von „Operation Slasher,“ einem Schlag gegen Kinderpornografie durch das LKA Bayern. Ausgangspunkt der Ermittlungen waren zwei Kinderpornos auf einer Internetplattform in denen ein zehn- und ein zwölfjähriges Mädchen jeweils massiv missbraucht wurden. Binnen eines Monats waren diese Filme 48.000mal heruntergeladen worden! 

Quelle: http://www.innocenceindanger.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Pressemitteilungen/CDU_CSU_2010_Statement.pdf

Eine bewusste Relativierung wurde gebilligt, laut Frau von Weiler, da diese Zahlen eine deutliche Sprache sprechen würden. 

Es ist richtig, dass man die Zahlen des BKA in beide Richtungen sowohl positiv als auch negativ auslegen kann. Ohne Bezugsmöglichkeiten taugen sie jedoch nichts. Legt man schließlich die Kriminalstatistik des BKA zugrunde, wo im Durchschnitt eine Erfolgsquote von max. 60% bei allen Straftaten als ausgesprochen gut empfunden wird, ohne dabei die Zeit als Parameter einzukalkulieren, wird deutlich, dass die 68% bei der Löschung von Kinderpornografie im Internet ein recht vernünftiges Ergebnis darstellen. Dass nach 4 Wochen quasi alle kinderpornografischen Inhalte verschwunden sind, sollte überzeugen.

Die genannte Operation Slasher ist offensichtlich nicht so repräsentativ in diesem Sachverhalt, da man nach ausgiebiger Internetrecherche nichts darüber findet, außer genau diese Aussagen darüber von Frau von Weiler selbst. Nicht einmal im Online- Archiv des LKA Bayern wird man fündig. Sie kann mir auch nicht erklären, wie die 48000 Downloads innerhalb eines Monats zustande gekommen sind. Das zu ermitteln, ist gar nicht so einfach, denn ohne administrativen Zugriff auf mögliche serverseitige Zugriffsprotokolle, wäre dies extrem aufwendig. Dabei müsste man auch zwischen Downloads und Zugriffen unterscheiden. Ebenso können maschinelle Zugriffe von Suchmaschinen- Robots diese Zugriffszahlen beeinflussen. Diese Zahlen sprechen also nur dann eine deutliche Sprache, wenn man sie auch faktisch belegen kann. Ob es sich überhaupt um ein Angebot im WWW handelt, wo Websperren ausschließlich eingesetzt werden könnten, geht aus dem Bericht von Frau von Weiler nicht hervor…

Update 04.05.2011:

Die Operation Slasher heißt richtig Operation Smasher, korrigierte sich Frau von Weiler nach meinem Artikel. Hierrüber findet man dann auch etwas mehr im Netz, ändert aber kaum etwas an der unlauteren Vorgehensweise, das Ausmaß der Verbreitung von Kinderpornografie im Internet und deren kommerziellen Hintergrund künstlich hoch zu stilisieren. Bezeichnend für derartige Falschinterpretationen und bewusste Täuschungsaktionen ist die ebenfalls von Frau von Weiler zitierte Operation Landslide:

Anlass für die Gründung (von Innocence in Danger) war 1999 Operation Landslide, die damals in den Medien als „der größte Schlag gegen die kommerzielle Kinderpornografie aller Zeiten“ bezeichnet wurde. Laut Medienberichten stand die Firma Landslide Inc. in Zusammenhang mit 5000 kinderpornografischen Websites und 250000 Konsumenten und verdiente mit Kinderpornografie monatlich 1,4 Mio. Dollar.

Es war schließlich der größte juristische Skandal im Zusammenhang mit Kinderpornografie, wo durch Manipulation und Beweisfälschung seitens der Ermittler, ein völlig absurdes Szenario geschaffen wurde. Innocence in Danger entwuchs quasi einer großen Lüge: http://www.gigi-online.de/Click_here_for55.htm

Bei der fahrlässigen Unterlassung journalistischer Sorgfaltspflicht blieb es
nicht. Wurden anfangs zumindest die falschen Polizeiangaben noch korrekt
wiedergegeben, schrieben die Zeitungen den Skandal im Laufe der Zeit um. Die
über Landslide abgerechneten 5700 Internetseiten mutierten zu 5700
Kinderpornoseiten, aus den unschuldigen 250000 Nutzern des
Landslide-Bezahlmodus’ wurden kurzerhand 250000 Kinderpornonutzer, und Landslide
sollte plötzlich monatlich 1,4 Millionen Dollar nicht mit Pornographie, sondern
allein mit Kinderpornographie umgesetzt haben. Das völlig offen agierende
Unternehmen Landslide Inc. wurde zu einem geheimen Netzwerk umgeschrieben.

Den etablierten Medien war in ihrem Eifer überdies entgangen, daß von den 35000
in den USA Verdächtigten überhaupt nur ganze 144 verfolgt worden waren und auch
das nur, weil sie sich von den Verfolgungsbehörden zu Straftaten hatten
anstiften lassen, die ihrerseits wiederum gegenüber Interpol behaupteten, daß
alle (!) Kunden von Landslide der Beschaffung von Kinderpornographie verdächtig
seien. Anstelle eigener Recherchen veröffentlichte man bereitwillig jenes
angebliche Beweismittel, auf dem in großer Schrift bei verschwommenem Rest
plakativ „Click Here For Child Porn“ zu sehen war.

In einer Aussage gab Steve Nelson unter Eid zu, daß es jenen Verweis auf den
Seiten von Landslide nie gegeben habe und diese hauptsächlich dem Zugang zu
„Material für Erwachsene“ galten.

Bisher ging in keiner Weise aus der recht wackeligen Argumentationskette von Frau von Weiler ein tatsächlicher Nutzen von Websperren hervor. Wenn dann die Sperrbefürworter, übrigens meldete sich auch wieder Georg Ehrmann
http://www.kinderhilfe.de/presse/bildergalerie/1_Ehrmann.jpg

Georg Ehrmann - Quelle: http://www.kinderhilfe.de

von der Deutschen Kinderhilfe kompentenzbefreit zu Wort, nichts mehr vorbringen können, geben sie einfach die Verantwortung an die Sperrgegner ab. So forderte auch Frau von Weiler von mir die Fakten, die sie selbst nicht in der eigenen Argumentation vorzubringen vermochte:

Frau von Weiler unterstellt, dass ich ja nicht wissen könne, dass Netzsperren den Erfolg minimieren würden. Schließlich wurde es ja nie in Deutschland erprobt. Die Evaluierung des BKA befasste sich ja nur mit dem Löscherfolg. Sie habe auch nie von erfolgreichen Operationen gegen Betreiber solcher Seiten gehört oder gelesen.

Sie vertritt auch die Auffassung, dass auch nach dem Löschen die Inhalte binnen Sekunden von anderen oder den selben Usern auf anderen Plattformen wieder angeboten würden. Um klar und konzentriert gegen die Verbreitung der Inhalte vorzugehen, braucht man aus ihrer Sicht zusätzlich auch Netzsperren.

Eine Sperrinfrastruktur braucht gar nicht mehr erprobt zu werden, die Erfahrungen aus anderen Ländern, die bereits mit Sperren arbeiten, beweisen deren Unzulänglichkeit. Dass die Löschstrategie überaus erfolgreich praktiziert werden kann und inzwischen auch erfolgreich angewendet wird, muss auch das BKA zugeben. Mit groß angelegten Operationen gegen Kinderpornoringe hat die Löschstrategie eigentlich nichts zu tun. Hierfür bin ich auch nicht der geeignete Ansprechpartner und möchte auf die Strafverfolgungsbehörden verweisen.

Es ist außerordentlich verantwortungslos von solchen Kinderschutzorganisationen in derart sensiblen Sachverhalten so kompetenzlos aufzutreten, wo man doch eher das Gegenteil erwarten sollte. Wer sich immer noch für eine Sperrinfrastruktur bei der Kinderpornografieproblematik ausspricht, fördert Täterschutz. Es wäre naiv zu denken, dass Pädokriminelle all ihr Material auf eine Online- Plattform hochladen und lokal löschen. Wird eine solche Online- Plattform vom zuständigen Provider/ Hoster nach Aufforderung der Strafverfolgungsbehörden gelöscht, ist es durchaus möglich, dass die Täter an anderer Stelle wieder aktiv werden könnten. Da aber das Konzept des Löschens auch das Sicherstellen von Beweismaterial beinhaltet, darf man davon ausgehen, dass viele Täter auch ermittelt und dingfest gemacht werden können. Diese können dann nicht erneut das Material verbreiten. Da auch diese Ermittlungsarbeit eine gewisse Zeit benötigt, erklärt, dass teilweise die zu löschenden Inhalte noch einige Zeit erreichbar bleiben. Würde man überstürzt die Inhalte löschen, würde abrupt jegliche Aussicht auf Erfolg, weitere Pädokriminelle zu ermitteln, beendet werden. Kontraproduktiv würde sich hierbei ein zusätzliches Sperren erweisen, da hiermit für die Pädokriminellen quasi ein Frühwarnsystem installiert würde. Mit zwei parallel laufenden Ping- Befehlen, einmal auf den Domainnamen und einmal auf die IP- Adresse, könnte man in solchen Fällen quasi in Echtzeit erkennen, wann eine Internetsperre eingerichtet wurde. Damit würde man den Tätern sozusagen eine Vorlaufzeit einräumen, Beweismaterial zu beseitigen und selbst unterzutauchen.  Unabhängig dieses Täterschutzes verhindern auch die Sperren nicht, dass das kinderpornografische Material an anderen Stellen von den gleichen Usern erneut angeboten werden könnte. Im Gegenteil, diese Strategie wäre geradezu hilfreich für die Täter und würde jegliche Aussicht auf Ermittlungserfolge zerstören. Die Kombination der beiden Konzepte „Sperren“ und „Löschen“ verbessert somit keineswegs die Erfolgsquote, es kann sie nur minimieren.

Verfolgen Kinderschutzorganisationen wie Innocence in Danger und Deutsche Kinderhilfe weiterhin ihr Ziel, Internetsperren etablieren zu wollen, darf man sie zukünftig als Täterschutzorganisationen bezeichnen…

Übrigens: Im Gegensatz zu Frau von Weiler, die wenigstens einmal per Email Stellung nahm, verweigert Georg Ehrmann jegliche Antwort.

Link zur Pressemitteilung der Deutschen Kinderhilfe: http://www.kinderhilfe.de/presse/2011/04/2247.php

Zur Pressemitteilung von Stephanie zu Guttenberg gibt es keinen Link zu Innocence in Danger, daher muss ich hierhin im Vertrauen auf Richtigkeit verweisen: http://www.tauss-gezwitscher.de/?p=2275

 

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Eine Antwort to “Wenn Kinderschutzorganisationen Täterschutz verlangen!”

  1. saarworres Says:

    Danke. Sehr gut geschriebener und belegter Eintrag. Es ist zudem bemerkenswert, dass Frau Weiler in ihren Antworten, offenbar in ermangelung einer stichhaltigen Argumentation, einfach den in einem Entscheidungsfindungsprozess üblichen kausalen Zusammenhang in sein Gegenteil zu verkehren versucht.

    Sie fordert die Einrichtung einer Sperrinfrastruktur und muss daher deren Effektivität belegen und ihre Forderung zu begründen (Mal abgesehen von der Debatte um deren Verhältnismäßigkeit). Diese Belege waren aber nicht nur nicht auffindbar, sondern es wurden Belege geliefert, dass ein Löschansatz durchweg das bessere Vorgehen darstellt.

    Nachdem der eigene Standpunkt sich als aufgrund der Belege der Gegenseite als haltlos erwiesen hat, dann vom Gegenüber weiterhin zu verlangen, dessen Gegnerschaft zur eigenen Forderung immer weiter zu belegen, anstatt seine eigenen Forderungen stichhaltig zu untermauern, ist wirklich die Kausalität auf den Kopf gestellt.

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