Demenz im Internet durch Radiergummi- Software

Manchmal erscheinen die Gedanken der Eliten unserer Gesellschaft für mich Kleingeist so unvorstellbar surreal, dass ich mich fast schäme, geboren worden zu sein. Doch gelegentlich begreife selbst ich, dass auch deren Horizont über den eigenen Tellerrand nicht hinausragt. Das sind dann die Momente, die mich dazu veranlassen, doch noch eine Weile weiter zu atmen.

So geschah es, dass jüngst unsere Verbraucher- schutzministerin Ilse Aigner auf der Fach- konferenz ihres Ministeriums am 11. Januar 2011 eine Weltneuheit präsentieren wollte, welche die digitale Welt neu ordnen sollte. Sie kündigte voller Stolz den digitalen Radiergummi an (das digitale Radiergummi ginge ebenfalls durch die Rechtschreibprüfung), welcher endlich dem bösen Internet die Vergesslichkeit lehren sollte. Die Software dazu wurde von Professor Doktor Michael Backes und seinem Team von der Universität des Saarlandes entwickelt. Der bezeichnende Name X-Pire des Browser- Plugins für den Mozilla Firefox soll unliebsame Bilder vor dem Hochladen ins Internet wie beispielsweise auf wenig datenschutzfreundliche Online- Plattformen (z.B. Facebook) mit einem Verfallsdatum versehen. Damit soll gewährleistet werden, dass im Bild festgehaltene Schandtaten, welche man nach Wiedererlangung der geistigen Zurechnungsfähigkeit dem Auge des öffentlichen Voyeurismus nachträglich wieder entziehen kann. Ein „vertrauenswürdiger Keyserver“, selbstverständlich in der Obhut der Vertreiberfirma X-Pire würde die Verschlüsselung der Bilddaten zuverlässig übernehmen.  Der Nutzen einer solchen Möglichkeit erschien der Verbraucher- schutzministerin so offensichtlich, dass sie kurzerhand ihre gerade aktuellen Dioxin- Probleme auf einen späteren Zeitpunkt vertagte, um der digitalen Demenzpille die staatlich anerkannte Absolution zu erteilen. Schließlich stammt das Projekt „digitaler Radiergummi“ aus der Innovationswerkstatt eines renomierten und weltweit anerkannten Wissenschaftlers für Informatik und Kryptografie. Die Rettung des Internets bekommt damit das Wertesiegel „Made in Germany“ und unendlicher Ruhm wird uns zu teil werden – soweit die Theorie…

Für die Ernüchterung sorgt schließlich der Entwickler noch am gleichen Tag selbst und zieht den Spott der Netzgemeinde weniger damit auf sich, als vielmehr auf die so euphorisch wirkende Ministerin. Denn die Einschränkungen, welche durch die Software nicht zu beheben sind, aber essentiell wichtigen Aspekte einer solchen Lösung darstellen, bleiben gewaltig. Das Plugin wird derzeit ausschließlich für den Browser Mozilla Firefox angeboten. Anwender, die einen anderen Browser verwenden müssen oder wollen, können so verschlüsselte Bilder grundsätzlich nur als X-Pire Logo mit Verweis auf die zu verwendete Software erkennen. Zwar wurde angekündigt, dass die Software in absehbarer Zukunft auch für andere Browser angeboten werden würde, doch ist dieses Defizit noch bei weitem das geringste. Aus Sicht von Datenschützern lassen sich die Schlüssel mit modifizierten Plugins abfangen. Der Datenaustausch selbst zwischen Benutzer des Dienstes und dem entsprechenden Keyserver lassen ein Fülle von Datenspuren entstehen, deren Brisanz noch nicht wirklich abzuschätzen ist. Elementar wichtig für die Nutzer dieses kostenpflichtigen Angebotes ist natürlich eine uneingeschränkte Ausfallsicherheit. Sollte nämlich der Keyserver aus diversen, nicht vorhersehbaren Gründen unerreichbar sein, wird kein einziges Bild mehr dargestellt, welches mit X-Pire verschlüsselt wurde. Das gilt dann gleichermaßen für den Anbieter der Bilddateien als auch für potentielle Betrachter.

Die Krone der Unzulänglichkeit setzt aber ein völlig lapidarer Umstand auf das virtuelle Haupt der vertrauensvollen Kunden dieses Geschäftsmodells. Mit der integrierten Speicherfunktion des Browsers lassen sich die Bilder auf gewohnte Weise abspeichern und die Verschlüsselung entschwindet wie Gas aus einem geblähten Bauch. Die Bilder können völlig ungehindert weiter verbreitet werden, ohne dass Frau Aigner oder der Herr Professor etwas daran ändern könnten. Selbst wenn das Plugin soweit verfeinert werden würde, dass es die Speichermöglichkeiten des Browsers abschalten könnte, wären sogenannte Screendumps (Bildschirmfotos) unabhängig davon jederzeit möglich. Was war noch mal das Ziel dieses Projektes…? Ich bin etwas vergesslich, doch dagegen schafft ja das Internet glücklicherweise Abhilfe.

Die Idee, die hinter X-Pire steckt, ist übrigens auch nicht taufrisch und findet sich in vielfältiger Weise unter dem Sammelbegriff DRMS (Digital Rights Management System) wieder. Die Zielgruppe für welche sich Professor Backes entschieden hat, dürfte nicht gerade das Klientel sein, welches entsprechende Finanzmittel übrig hat, um diese in eine monatliche Netzdemenz- Flatrate investieren zu wollen. Wer stellt schon bewusst peinliche Bilder von sich selbst online und verschlüsselt diese vorsorglich mit X-Pire mit der Absicht, in ungewisser Zukunft jene Fehltritte unges(ch)ehen machen zu wollen? Ist Weltfremdheit ein Feature eines Informatikers oder glaubt Professor Backes, dass Dummheit ein Bug der Zielgruppe sei?

Immerhin ist ja Frau Aigner von dieser Idee überzeugt und wäre sicher eine treue Kundin, angesichts der Bilder, die da von ihr so durchs Netz kursieren. Leider wirkt die X- Pire Lösung auch nicht auf bereits veröffentlichte Bilder, welche übrigens aus dieser Quelle stammen (der Ordnung halber und wegen des Urheberrechts):  Merkur-Online und Kreiszeitung

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Eine Antwort to “Demenz im Internet durch Radiergummi- Software”

  1. Tweets that mention Demenz im Internet durch Radiergummi- Software « Des Schwachsinns fette Beute -- Topsy.com Says:

    […] This post was mentioned on Twitter by ::BK::BembelKandidat, Norman Bates. Norman Bates said: Warum das Radiergummi fürs Netz so nichts wird http://is.gd/kdlQf2 Der große Vorteil vom Internet ist ja, dass es gerade NICHT vergisst […]

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