Das Piratenschiff ist nicht gekentert, sondern nur auf Sand gelaufen…

Was hat die Piratenpartei bei der Landtagswahl in Nordrhein- Westfalen falsch gemacht? Sie ist vieles falsch angegangen, aber hat letztendlich nichts falsch gemacht.

Die Piratenpartei versteht sich als basisdemokratisches Politkonstrukt, welches auf weitreichende Transparenz wert legt. Grundsätzlich ist ein solche Versuchsanordnung durchaus zu begrüßen, liefert allerdings auch erhebliche Angriffspunkte. 

Fehler Nummer 1: Der Name selbst

Wer Produkte vermarktet, weiß genau, wie wichtig ein gut klingender, ausdrucksstarker Name für das entsprechende Produkt ist. Historisch gewachsen in Anlehnung an das schwedische Vorbild und als Provokation gegen die Kampagnen der Musik- und Filmindustrie, die massiv  gegen sog. Raubkopierer vorgeht, hat die Partei allein durch diese Namensgebung immer noch mit Irritationen zu kämpfen. Nicht selten glauben viele Leute, es handele sich bei der Piratenpartei um eine anarchistische Gruppe von Nerds, die Urheberrechtsverletzungen bagatellisieren oder gar legalisieren wollten. Der Name stellt unfreiwillig für solche Assoziationen Raum für derartige Spekulationen zur Verfügung. Aller aufrichtigen Dementi zum Trotz hat sich diese Fehleinschätzung nicht ausräumen lassen. Es kostet die Piratenpartei wegen einer solchen Nebensächlichkeit durchaus Wählerstimmen.

Fehler Nummer  2: fehlende Persönlichkeiten

Die basisdemokratische Ausrichtung der Piratenpartei lässt keinen Spielraum für charismatische Führungspersönlichkeiten. Darauf sind die Piraten zurecht stolz, steht aber leider im fatalen Gegensatz zur menschlichen Natur. Der Mensch ist ein Herdentier und braucht sowohl Führungspersonal als auch die große Masse der Gefolgschaft. Ein nicht unerheblicher Teil der Bürger wählt emotional und nicht rational. Viele Bürger wählen Personen und beachten zuweilen nur deren aktuelles Öffentlichkeitsauftreten unmittelbar vor der Wahl. Wahlberechtigte, sofern sie überhaupt noch den Urnengang ausüben, der nun wirklich nicht so unzumutbar erscheinen sollte, sind größtenteils unzureichend informiert und handeln nach den teilweise geschickt manipulierten Vorgaben der Medien. Es ist also ein enormer Vorteil, möglichst populäre Spitzenkandidaten ins Rennen schicken zu können. Die Piratenpartei weist hierbei erhebliche Defizite auf…

Fehler Nummer 3: Image

Die Piratenpartei besitzt fälschlicherweise ein schlechtes Image in der Allgemeinheit. Zwar bemüht sie sich redlich, von der irreführenden vorherrschenden Meinung, eine „Ein-Themen-Partei“ zu sein, weg zu kommen, hat es aber bislang nicht wirklich geschafft. Zu stark fokusiert man die Kernthemen, die sicherlich wichtig sind und besetzt nicht energisch genug andere Themenfelder, die in der Allgemeinheit einen doch höheren Stellenwert besitzen. Oft gewinnt man den Eindruck, als wäre ein typisches Schwarmverhalten zu erkennen, wenn beispielsweise EU- Kommissarin Malmström die Internetsperren bei Ursula von der Leyen abkupfert. Zum Afghanistan- Einsatz oder zur Griechenland- Rettung hört man aus den Reihen der Piraten hingegen recht wenig. Die Offlinewelt hat die Existenz der Piratenpartei in vielen Gegenden noch gar nicht wahr genommen. Wenn doch, dann wird nicht selten ein falsches Bild wiedergegeben. Es gibt immer noch Leute, die der Überzeugung sind, dass die Piratenpartei Kinderschänder beschützen, Raubkopiererei legalisieren und nützliche Datensammlungen vernichten möchte. Die Piratenpartei schafft es irgendwie nicht, dieses falsche Image endgültig und flächendeckend ablegen zu können.

Fehler Nummer 4: Narzissmus

Das ist vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck, doch immer wieder entsteht beim Durchstöbern diverser Mailinglisten bei mir ein solcher Eindruck. Die Piraten toben sich regelrecht in Wikis, Mailinglisten und Mumble- Konferenzen aus, behandeln dabei vorrangig und mit gesteigertem Eifer interne Sachverhalte und teilweise Pseudoprobleme. Besonders auffällig war es immer dann, wenn der umstrittene Aaron König über sein Blog etwas verkündete. Wichtige Aspekte des poltischen Geschehens wurden dann plötzlich zweitrangig und der Großteil der Piraten beteiligte sich übermässig intensiv an Diskussionen über diese Personlie. Auch während des Wahlkampfes in NRW war gerade auf den regionalen Mailinglisten eine gesteigerte Diskussionskultur zwischen den Piraten zu erkennen. Nur selten konnte man ausserhalb der Onlinewelt überhaupt von einem aktiven Wahlkampf etwas bemerken, wenn man nicht gerade über die Infostände in den Innenstädten stolperte. Im Rest der Republik war eigentlich nichts ausserhalb des Internets von einer Piratenpartei zu erkennen, die sich redlich um das Erreichen der 5% Marke schwer tat.

Im Grunde ist es schade, dass die Piratenpartei in Nordrhein- Westfalen nicht den Einzug ins Landesparlament geschafft hat. Nur ein einziger Parlamentssitz hätte für dauerhafte Aufmerksamkeit in der Bevölkerung sorgen können.

Nachhaltig nachteilig wirkt sich besonders das letzte Kriterium auf die Medienwirksamkeit der Partei aus. Während sie im Internet mit einer dominanten Präsenz auftreten kann, wird in Printmedien sowie im TV nur sehr begrenzt von der Piratenpartei berichtet, selbst wenn die aktuellen Themen eine deutliche Brisanz besitzen. Die konventionellen Medien greifen da nach wie vor auf Vertreter der etablierten Parteien zurück, selbst wenn von diesen Stellen nicht einmal annähernd das Problem richtig interpretiert werden kann.

9 Antworten to “Das Piratenschiff ist nicht gekentert, sondern nur auf Sand gelaufen…”

  1. Thomas Menke Says:

    Den Besten Artikel den ich jeh über die Piratenpartei gelesen habe.

    Genau So denke ich auch. Wer gewählt werden will muss populär sein.
    Doch steht die Piratenpartei sich selber in jeder Hinsicht im Weg.

    z.B. Das jeder was sagen darf. Klar Basisdemokratisch bis zum geht nicht mehr. Aber man muss auch Handlungsfähig bleiben, deswegen begrenzung auf 20 Redner oder so.

    Ich finde schon das wir wie die anderen ein Gesicht brauchen.
    Warum sollte der Vorstand nicht auch mal auf ein Plakate kommen?

    Die Wähler wollen keine Gesichtslose Partei wählen.

    Mein Vorschlag für ein Frischen Parteiname: Ideenpartei.
    Den mit frischen und guten Ideen wollen wir doch Gesetzte verändern.
    Mit gut durchdachten Konzepten wollen wir doch gegen Zensur vorgehen und für Bürgerrechte kämpfen.

    Es wird Zeit was zu ändern!

    Gefällt mir

    • forenwanderer Says:

      Danke für die Blumen, das hat mir schon lange auf dem Herzen gelegen und wollte den Artikel beinahe gar nicht erst veröffentlichen. Eine Namensänderung ist jetzt nicht mehr möglich, sollte aber in der Gesamtheit das geringste der piratigen Probleme darstellen.

      Gefällt mir

  2. Mark Says:

    Die Auswirkungen der Namensgebung der Partei schätze ich anders ein als du. Du betrachtest nicht, dass sich gerade solch ein Name schnell einprägt und damit „hängenbleibt“. Das ist marketingtechnisch ein Riesenvorteil und dürfte imho die Zahl der Wähler, die uns wegen „Fehlassoziationen“ verloren gehen, mehr als aufwiegen.

    Im übrigen ist zu bemerken, dass die Situation für die Piratenpartei im nordrhein-westfälischen Lagerwahlkampf von vornherein nicht einfach war. Wenn dem Wähler klar ist, dass es zwischen den großen knapp wird, ist er möglicherweise doch eher abgeneigt, seine Stimme einer Kleinpartei zu geben. Wäre eine absolute Mehrheit für eine Seite von vornherein absehbar gewesen, hätte das anders aussehen können.

    Gefällt mir

    • Thomas Menke Says:

      Rot grün gegen schwarz gelb.
      Die Parteien und Programme treten beidseitig bewust gegeneinander an. so haben „fünfte“ kaum noch was zu melden.

      Jedoch finde ich es umso beachtlicher wie viel Prozent die Linke als ostdeutsche Partei bekommen hat.

      Das Konzept muss noch ausgereifter und besser auf die Wähler abgestimmt sein, finde ich. Unter anderem auch mit einen Vorstand der von Plakaten lächelt.

      Gruß

      Gefällt mir

    • forenwanderer Says:

      Ja, die besondere Situation in NRW war mir durchaus bewusst und auch die immer wiederkehrende Rechtfertigung, wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse, keine Kleinpartei wählen zu können oder zu sollen. Das ist rein rechnerisch Unfug und die augenblickliche Situation in NRW ist schlechter denn je. Eine Minderheitsregierung mit Frau Kraft an der Spitze, die sich innerhalb von 24 Stunden um 360 Grad drehen konnte, verspricht nichts Gutes für die Zukunft.
      Der Name „Piratenpartei“ hat sich mit der Zeit durchaus etablieren können, aber ist beispielsweise in der Provinz nicht angekommen, wenn überhaupt eher negativ. Das mag in den Städten anders sein und im Internet sowieso, aber die Probleme damit müssen auch jetzt noch richtig gerückt werden.

      Gefällt mir

  3. fargurd Says:

    Ich finde deine Teilüberschriften mehr als treffend – und zwar für eine Partei, die endlich da ankommen soll, wo sie nicht hingehört, nämlich zu den ganzen anderen.

    Wer Produkte vermarkten will, der sollte zur Werbung gehen. Der Name bleibt so oder so hängen, weil er eben gerade nicht zu den standard Abkürzungen passt, die sonst die so langweilige Politiklandschaft besiedeln.

    Du kritisierst (völlig zurecht), dass Menschen Personen wählen, obwohl natürlich die Partei als ganzes gewählt wird. Doch wieso willst du weiter mitmachen, nur weil das alle schon seit Jahren so machen? Ändern kann man das System nicht, wenn man sich dauernd anpasst (siehe Namen).

    Ein-Themenpartei, das ist ein heikles Thema, das ist richtig. Doch meiner Meinung nach ist es wichtig, solche Themen langsam anzugehen, bevor man (wie es teilweise auch aus etablierten Kreisen der CDU/SPD, … passiert) irgendwelche unreflektierten Sachen behauptet, die völlig an der Wahrheit vorbei gehen (siehe Ursula v.d. Leyen und ihr Eklat mit Indien). Natürlich müssen die Piraten nachlegen, was andere Themen angeht – nur sollten sie es nicht übers Bein brechen, nur um schneller gewählt zu werden. Denn das hat nichts mehr mit Professionalität zu tun, sondern mit Wählerbetrug.

    Resümierend würde ich sagen, dass viele Teile der Analyse zutreffen. Die Wahlhoffnung 5% war weit überzogen, was ich auch sehr kritisch beobachtet habe. So wird nicht unbedingt ein Bild erzeugt, was realistisch ist. Aber die Partei sollte sich meiner Meinung nach auch nicht anpassen, an die schon bestehenden Parteien, denn sonst wird sie erst recht an Substanz verlieren. Denn viele sind die alten Säcke mit ihren Anzügen jetzt schon satt und dann sollte sich eine junge, dynamische Partei nicht anbiedern, nur um mal gewählt zu werden. Es ist besser eine Gesicht zu wahren, als später den gleichen Fehler wie die Grünen zu machen – indem man sich anbiedert um wählbar zu werden. Denn Kriege führen wollten die Grünen nie, dann doch. Käuflich waren die Grünen nie, jetzt doch (siehe Saarland). Es kann nicht immer schnell gehen, manchmal braucht ein Projekt auch Zeit zum wachsen. Im Zeitalter des Internets muss alles immer schneller gehen, doch das funktioniert nicht immer.

    Gefällt mir

    • forenwanderer Says:

      Dein Kommentar spricht mir persönlich aus der Seele. Meine Analyse, wenn man es denn so nennen mag, ist weniger eine Kritik, sondern vielmehr eine Feststellung im jetzigen Zeitfenster. ICH wähle aufgrund des Wahlprogrammes. MIR ist persönlich der Name völlig egal, wobei ich THE PEANUTS ganz persönlich anlehnend an die Comic- Helden meiner Kindheit/Jugend favorisiert hätte. ICH wähle auch keine Personen, die plötzlich tolle Ideen aus dem Hut zaubern, das Blaue vom Himmel versprechen und später Weltmeister der Dementi zu sein scheinen. Einzig im recht dünnen und wenig ausgeprägten Themenspektrum erwarte ich Erweiterungen, keine Schnellschüsse, aber präzise und bedächtige Entwicklungsformen, die auf mehr hoffen lassen.
      Um in der Masse des Wahlvolkes überhaupt wahrgenommen zu werden, muss man auch die konventionellen Fronten beschreiten. Nur mit dem Einzug in Parlamente läßt sich die Ideologie der Piratenpartei auch weiter tragen. Es wäre schade, wenn noch 10 Jahre vergehen würden, ohne dass die Piratenpartei in Landtage oder den Bundestag einziehen würde…

      Gefällt mir

  4. links for 2010-06-24 « Sikks Weblog Says:

    […] Das Piratenschiff ist nicht gekentert, sondern nur auf Sand gelaufen… « Des Schwachsinns fette Be… Etwas spät aber sicherlich nicht zu spät kommt die Analyse der Piratenpartei im Wahlkampf der Landtagswahl NRW. Dabei kommt er zum Schluss, dass die Piraten natürlich Optimierungsbedarf hat, aber so richtig falsch haben sie nichts gemacht, eher sich ihrem Erfolg noch selbst etwas im Wege gestanden haben. Wie immer gilt: Gucken, wo hat er recht, wo nicht und was kann man verbessern. Jeder für sich, weil's jeder anders sieht. (tags: wrb Wahlanalyse NRW) […]

    Gefällt mir

  5. Tacheles Says:

    Ahoi
    Ich habe nur eine Frage dazu und zu den Kommentaren.

    Wo wart ihr im Wahlkampf?

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: